{"id":1295,"date":"2025-02-19T12:00:18","date_gmt":"2025-02-19T11:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1295"},"modified":"2025-02-19T12:05:52","modified_gmt":"2025-02-19T11:05:52","slug":"vom-begehren-begehrt-zu-werden-huch-98","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2025\/02\/vom-begehren-begehrt-zu-werden-huch-98\/","title":{"rendered":"VOM BEGEHREN, BEGEHRT ZU WERDEN &#8211; HUch #98"},"content":{"rendered":"\n<p>| Tessa Kolberg |<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>BASIEREND AUF \u201eERINNERUNG EINES M\u00c4DCHENS\u201c<br>VON ANNIE ERNAUX<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-vivid-red-color has-text-color\"><strong><em>\u201eIst sie ich, oder bin ich sie?\u201c<br>In dem Theaterst\u00fcck \u201eErinnerung eines M\u00e4dchens\u201c an der Schaub\u00fchne, basierend auf dem gleichnamigen Roman der Nobelpreistr\u00e4gerin Annie Ernaux, verschwimmen die Linien zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Realit\u00e4t, Begehren und Scham<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-vivid-red-color has-text-color\"><strong><em>TW: sexualisierte Gewalt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-vivid-red-color has-text-color\"><strong><em>Mit 17 besucht die junge Annie Duchesne ein franz\u00f6sisches Sommerferienlager und st\u00fcrzt sich dort in das ersehnte Nachtleben des Camps, wobei sie auf der Suche nach Erfahrungen ein Verh\u00e4ltnis mit dem Chefbetreuer H eingeht, welches ihr weiteres Leben, ihr Selbstbild und ihre Beziehung zu Sex tief pr\u00e4gt. \u201eIhr Verlangen nach ihm, danach, dass er ihren K\u00f6rper beherrscht, entfremdet sie von jedem Gef\u00fchl der W\u00fcrde\u201c, schreibt die erwachsene Annie Ernaux \u00fcber ihr j\u00fcngeres Ich.<br>Aber warum ist das so?<br>Gemeinsam mit der Regisseurin Sarah Kohm und der Dramaturgin Elisa Leroy besch\u00e4ftigt sich Veronika Bachfischer als Annie Ernaux auf der B\u00fchne in einem beeindruckenden, eineinhalbst\u00fcndigen Monolog mit genau dieser Frage.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong><em>EIN INTERVIEW MIT SARAH KOHM, VERONIKA BACHFISCHER UND ELISA LEROY \u2014 GEF\u00dcHRT VON TESSA KOLBERG:<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">Tessa Kolberg: Wie ist die Idee f\u00fcr \u201eErinnerung eines M\u00e4dchens\u201c entstanden und wie habt ihr drei dabei zueinander gefunden?<\/p>\n\n\n\n<p>Sarah Kohm: Tats\u00e4chlich habe ich \u201eErinnerung eines M\u00e4dchens\u201c, ganz ohne Hintergedanken, Veronika zum Geburtstag geschenkt. (Lachen) Wir haben uns alle an der Schaub\u00fchne kennengelernt, Elisa und ich auch noch bei einem feministischen Lesekreis au\u00dferhalb. Eigentlich hatten wir einen anderen Stoff geplant, der dann aber Corona zum Opfer gefallen ist. Wir hatten schon zwei B\u00fchnenfassungen gemacht, bereits eine Probenwoche hinter uns und nachdem die Produktion coronabedingt mehrfach verschoben werden musste, hatten wir den eindeutigen Impuls, uns einem neuen Stoff zuzuwenden. Dabei besch\u00e4ftigte sich unser urspr\u00fcngliches Projekt auch mit dem Thema \u201eBegehren\u201c, jedoch aus einer ganz anderen Perspektive. Mit der Entscheidung f\u00fcr Annie Ernaux blieben wir also bei dem Sujet \u201eweibliches Begehren\u201c und der Losl\u00f6sung vom sogenannten Male-Gaze, also einem m\u00e4nnlichen, sexualisierenden Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Veronika Bachfischer: Wir hatten uns quer durch den feministischen Diskurs gelesen, wobei es eine neue Generation von Frauen Mitte drei\u00dfig gab, die, so wie wir, neu \u00fcber ihre Biografien nachdenken. Dann hatten wir gleichzeitig die Idee &#8211; an das Telefonat kann ich mich noch gut erinnern \u2014, dass wir Annie Ernaux auf die B\u00fchne bringen und mit eigenen Texten erg\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Inwiefern gab es f\u00fcr euch w\u00e4hrend der Vorbereitungszeit und der Recherche neue Erkenntnisse f\u00fcr die St\u00fcckentwicklung?<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Eines der B\u00fccher, die f\u00fcr mich ganz wesentlich waren, ist \u201eVergewaltigung\u201c von Mithu M. Sanyal, welches Vergewaltigungen als soziologisches Ph\u00e4nomen untersucht. Dort hinterfragt sie unter anderem eine der Grundannahmen \u00fcber Vergewaltigung \u2014 n\u00e4mlich, dass diese ein unumkehrbares Ereignis im Leben einer Frau ist, wonach nichts mehr so sein kann, wie vorher, wor\u00fcber sie nicht hinwegkommen kann. Sanyal fragt in ihrem Buch, welche soziologischen Implikationen f\u00fcr diese Grundannahmen n\u00f6tig sind und zeigt auf, dass einige davon bereits patriarchale Interpretationen sind, die objektiv nicht zwangsl\u00e4ufig wahr sein m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Elisa Leroy: In so eine \u00e4hnliche Richtung ging bei mir das Leseerlebnis von \u201eKing Kong Theorie\u201c von Virginie Despentes. Die Verbindung mit Annie Ernaux ist f\u00fcr mich, dass ein Gef\u00fchl von Begehren und Macht gleichzeitig mit dieser Unterwerfung unter den Blick des anderen existieren kann. Wegen dieser Sozialisation, die Begehren mit Macht verkn\u00fcpft, ist \u2014 so im Fall von Annie \u2014 die Vergewaltigung selbst nicht unbedingt von Anfang an als Opfer erlebt worden. Und ebenso hat nach dem Ereignis der Vergewaltigung ein Mensch, der davon uneingeschr\u00e4nkt Opfer geworden ist und keinerlei Verantwortung daf\u00fcr tr\u00e4gt, auch noch eine andere Dimension, hat immer noch eine Sexualit\u00e4t und ein Begehren. So ist auch Annie Duchesne keine passive Person in der Situation, die Annie Ernaux zu erinnern versucht.<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Unter einigen anderen ist der Opfer-Text ganz am Ende des St\u00fcckes von mir: \u201eIch beanspruche den Begriff ,Opfer\u2018 absolut f\u00fcr mich. Weil das bedeutet, dass mir etwas getan wurde, dass ich daran keine Schuld trage.\u201c Diese Stelle ist mir sehr wichtig. Vergewaltigung ist ein gewaltt\u00e4tiger Akt, f\u00fcr den die Verantwortung nicht geteilt werden kann, sie liegt immer und ganz und gar bei der vergewaltigenden Person. Daf\u00fcr muss die vergewaltigte Person nicht um sich schlagen und aus vollem Leibe schreien, auch subtilere Zeichen des Unwohlseins k\u00f6nnen und m\u00fcssen vom Gegen\u00fcber ernst genommen werden. Opfer zu sein bedeutet f\u00fcr mich aber nicht lebenslange Passivit\u00e4t, sondern dass mir in dem Augenblick eine Gewalt angetan worden ist. Vergewaltigung ist oft assoziiert mit \u201aIch laufe durch den dunklen Park, ein Mann springt hinterm Busch hervor, ich schreie bis zum Ende aber bin halt k\u00f6rperlich unterlegen.\u2018 Die Gewalt kann aber schon viel fr\u00fcher anfangen und kann auch internalisiert sein. Annie Duchesne ist eine junge Frau, die Lust hat &#8211; Lust auf das Leben und Lust auf M\u00e4nner. Alles, was sie \u00fcber Sex wei\u00df, stammt aus einem Buchzitat: \u201eAn der Schwelle der Hochzeitsnacht steht ein Engel\u201c. Dadurch, dass sie keinen Abgleich hat, kann sie nicht begreifen, dass das, was ihr passiert, nicht cool ist. Die patriarchale Gewalt ist schon so in ihr verankert, dass sie die Situation nicht mehr richtig beurteilen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>SK: Dazu, dass es diese Erfahrung, aber kein Referenzsystem gibt, auf welches sich die junge Annie h\u00e4tte beziehen k\u00f6nnen, w\u00fcrde ich auch noch das Buch \u201eWie wir begehren\u201c von Carolin Emcke nennen. Dort geht es um die Grenzen des eigenen Begehrens und von der eigenen sexuellen Sozialisierung, welche in patriarchalen Gesellschaften durch den Male-Gaze gepr\u00e4gt sind. Dies f\u00fchrt dazu, dass man nicht einordnen kann, was einem Schlimmes widerf\u00e4hrt. Was kann denn dann aber weibliches Begehren, losgel\u00f6st von diesen ganzen patriarchalen Strukturen, sein? Darauf habe ich bis heute keine Antwort. Obwohl ich mich jahrelang mit diesen Diskursen besch\u00e4ftige, ertappe ich mich immer noch dabei, wie ich mich in meinem Liebesleben, Arbeitsleben und in dem Verh\u00e4ltnis zu meinem K\u00f6rper dem Male-Gaze unterwerfe. Dieses Paradoxon, in dem man lebt, bildet der Text so gut ab. Es ist ein gro\u00dfes Anliegen von unserem Abend, diese Gleichzeitigkeit auszuloten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: In dem Buch fragt Ernaux und ihr habt es im St\u00fcck \u00fcbernommen: \u201eBin ich sie oder ist sie ich?\u201c Es ist ihr Anliegen, das Erlebnis und diese Charaktere, also das \u201aSie\u2018 von damals und das \u201aIch\u2018 von heute, zu dekonstruieren. In einem Monolog zwischen verschiedenen Charakteren und verschiedenen Ebenen des gleichen Charakters zu differenzieren, ist nicht einfach. Dann kommen noch eigene Texte dazu. Wie habt ihr das umgesetzt? <\/p>\n\n\n\n<p>VB: Im Buch n\u00e4hert sich Ernaux ihrem j\u00fcngeren Ich an und wir konnten das super auf die B\u00fchnensituation \u00fcbertragen. Ich n\u00e4here mich dieser anderen Rolle an, dieser anderen Frau. Gleichzeitig wird mitverhandelt, ob das eine kollektive weibliche Erfahrung ist. Ist meine Geschichte die gleiche, wie die von Annie Ernaux? Machen wir alle die gleiche Erfahrung? Ja. Das war f\u00fcr uns gefundenes Fressen f\u00fcr die B\u00fchnenfassung, weil wir es zwar leicht in einen anderen Kontext versetzt haben, aber die Worte die gleichen sind. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Welche theatralen Zeichen, Kost\u00fcm, B\u00fchnensprache, etc. waren dabei besonders wichtig?<\/p>\n\n\n\n<p>SK: F\u00fcr uns war f\u00fcr das ganze Gewand der Produktion eine Zeitlosigkeit wichtig. Es war nicht das Ziel, einen Raum zu erz\u00e4hlen, der nur 1958 oder 2021 existiert. Das Gleiche gilt f\u00fcr das Kost\u00fcm. Deshalb haben wir einen Raum konzipiert, der sich mit dem Text verbinden l\u00e4sst, aber gleichzeitig abstrakt bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>VK: Die Spiegelw\u00e4nde, mit denen ich auf der B\u00fchne arbeite, sind, finde ich, ein wahnsinnig kluges Mittel, um viele R\u00e4ume zu bauen und auch damit das Publikum sich selbst sehen kann. Ich bin dadurch nicht alleine. Ich habe immer mich, kann immer mit mir reden. Gleichzeitig bin ich dadurch immer von hinten und von jeder Seite f\u00fcr jeden sichtbar und super ausgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Das sprichst du am Anfang auch an, wenn du die vierte Wand brichst, also das Publikum einbeziehst und adressierst: \u201eIhr Blickt schweift zu meinen Beinen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Genau! Diese Ebene haben wir drin, weil das Theater oft ein Brennglas f\u00fcr das, was in der Gesellschaft passiert, ist. So wie der weibliche K\u00f6rper eben immer in scharfer Beobachtung von uns selbst und von anderen Personen ist, so wird dieser Vorgang auf der B\u00fchne nochmal versch\u00e4rft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Was bedeutet dieser Moment f\u00fcr dich pers\u00f6nlich?<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Ich komme nat\u00fcrlich nicht aus dieser Situation raus. Es bleibt so, dass alle meinen K\u00f6rper beurteilen und ich auch. Aber die Beobachtung meines K\u00f6rpers zumindest anzusprechen und dann so ein Nicken im Publikum zu sehen, das hat schon was. Zumindest ist es dann ehrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>EL: Es hat auch den wichtigen Effekt, dass das Publikum in die Verantwortung genommen wird. Der Theaterraum kann das immer so gut besprechen \u2014 was ist eigentlich die Rolle von denen, die zuschauen, was macht dieser Blick? Der ist keine reine Passivit\u00e4t, sondern erfordert eine Haltung. In Momenten, in denen das Publikum aufgefordert ist, mitzumachen, merken wir immer, wie stark Gemeinschaft uns beeinflusst. Ich finde immer wichtig, in jedem St\u00fcck klarzumachen: Ihr seid beteiligt. Zugucken ist auch etwas, das man macht, gerade bei diesem Thema. Wir alle wissen, dass ein Blick reicht, damit man sich in einer bestimmten Weise gelesen und vielleicht sogar bedroht f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>SK: Ich finde dieses Brennglas-Bild sch\u00f6n, weil weiblich gelesene K\u00f6rper anzugucken und zu bewerten, etwas ist, das so gut wie immer passiert. Darauf in dieser sehr konzentrierten Theatersituation aufmerksam zu machen, ist uns wichtig, um auch das Publikum zu anzuregen, den eigenen Blick zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Inwiefern lie\u00dfe sich die Produktion f\u00fcr euch in ein \u201edavor\u201c und ein \u201edanach\u201c unterteilen?<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Inhaltlich und auch f\u00fcr mich als Schauspielerin ist die Produktion ein wichtiger Moment gewesen. Es ist sehr ungew\u00f6hnlich in meiner Rolle als Schauspielerin, an der Stoffauswahl beteiligt zu sein. Normalerweise komme ich immer erst dazu, wenn der Prozess der Stofferarbeitung und der \u00c4sthetik abgeschlossen sind und dann kriege ich meine Rolle und bearbeite sie. Aber durch die spezielle Entstehung dieses St\u00fcckes und unserer besonderen Konstellation konnte ich viel verantwortlicher mitarbeiten. Besonders ist auch, dass wir zun\u00e4chst im Studio gespielt haben und wegen der guten Verkaufszahlen ins gro\u00dfe Haus \u00fcbernommen wurden. Das war eine sehr sch\u00f6ne Auszeichnung.<\/p>\n\n\n\n<p>SK: Und auch, dass wir uns so gefunden haben. Das wird auf keinen Fall unser letztes Projekt gewesen sein. Das ist auch eine pers\u00f6nliche und berufliche Konsequenz aus dem Abend, dass es eine sehr intensive und sch\u00f6ne Zusammenarbeit war. <\/p>\n\n\n\n<p>EL: Ich habe gemerkt, auch nachdem wir die M\u00f6glichkeit bekommen haben, das St\u00fcck weiter im Repertoire der Schaub\u00fchne zu spielen, wie gro\u00df die Verantwortung ist, bestimmten Themen Sichtbarkeit zu verleihen, bestimmte Menschen auf die B\u00fchne zu stellen. Das zu entscheiden und zu beeinflussen, was f\u00fcr eine Auswirkung das hat, war f\u00fcr mich ein wahnsinniger Erm\u00e4chtigungsmoment als jemand, der in einer Institution t\u00e4tig ist, die Mittel, Geld, R\u00e4ume und einen Spielplan hat. Immer wenn \u201eErinnerung eines M\u00e4dchens\u201c auf dem Spielplan steht und ich reingehe und sehe, dass sich immer wieder Leute das St\u00fcck angucken, habe ich das Gef\u00fchl, da ist etwas geschafft worden. <\/p>\n\n\n\n<p>VB: Die Reaktionen der Zuschauer:innen sind so klar, ich sp\u00fcre nach den ersten paar S\u00e4tzen, wie sich eine Stille in das Publikum legt. Es ist offensichtlich, dass das Thema gut ist, erz\u00e4hlt zu werden. Ich dachte, dass meine Generation die letzte ist, die diese Form von Erlebnis kennt. Doch schon auf den Proben wurde im Gespr\u00e4ch mit den Menschen Anfang zwanzig klar, dass diese Geschichte sich immer weiter fortsetzt und noch lange nicht \u00fcberwunden ist. Deswegen finde ich es so wichtig, sie immer weiter zu erz\u00e4hlen. Ich habe den Eindruck, diese Produktion geht \u00fcber die B\u00fchne hinaus, sie bewegt etwas im Leben von Menschen. Das ist eine wunderbare und erf\u00fcllende Erfahrung. Ich glaube, so eine Produktion gibt es ca. alle zehn Jahre im Leben einer Schauspielerin. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Inwiefern ist das St\u00fcck daher feministisch und was bedeutet das f\u00fcr euch?<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Ich kann f\u00fcr mich pers\u00f6nlich sagen, dass ich in erster Linie Humanistin bin und weil wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, bin ich dazu gezwungen, Feministin zu sein. F\u00fcr mich ist das St\u00fcck insofern feministisch, als dass es die Geschichte einer Frau erz\u00e4hlt, und zwar aus der Perspektive einer Frau. Diese Geschichte ist bereits eine Million Mal erz\u00e4hlt worden und in Filmen an der entsprechenden Stelle abgeblendet worden. Annie Ernaux macht es klug, indem sie am Anfang ihres Buches die Geschichte einmal so erz\u00e4hlt, wie sie immer erz\u00e4hlt worden ist: Er war der Held, sie hat sich verliebt und vielleicht ein bisschen verloren. Punkt. Schweigen. Aber dieses Schweigen aufzumachen und die Dinge so zu benennen, wie sie sind \u2014 Diese Schonungslosigkeit und Ehrlichkeit ist f\u00fcr mich feministisch. Es ist allein schon ein feministischer Vorgang, dass ich da als Frau f\u00fcr eine Stunde und vierzig Minuten die B\u00fchne kriege und dann h\u00f6rt der ganze Saal mir zu.<\/p>\n\n\n\n<p>SK: Trotz dieser pers\u00f6nlichen Ebene des Textes, zeigt er ebenso schonungslos auf, wo die Rahmenbedingungen strukturell zu verorten sind, welche diese Erfahrung so m\u00f6glich gemacht haben. Das ist das Politische an dem Abend. Dir, Veronika, diesen Raum zu geben und damit dem auf den deutschen B\u00fchnen sehr ausgepr\u00e4gten m\u00e4nnlichen Protagonistentum etwas entgegenzusetzen, war zwar nicht unser prim\u00e4res Anliegen, ist aber ein sehr sch\u00f6ner Nebeneffekt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">EL: Man muss immer wieder sagen, dass Feminismus kein Identit\u00e4tsmerkmal ist. Das ist nichts, was man der eigenen Pers\u00f6nlichkeit hinzuf\u00fcgt. Feminismus ist eine politische Bewegung und auch eine theoretische, die versucht, etwas zu denken und zu verstehen und dann politisch zu handeln und die Verh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern. Die Geschichte des Feminismus funktioniert nicht umsonst in Wellen, weil Feminismen sich fokussieren, weiter theoretisch ausgestalten und neu fokussieren m\u00fcssen. Wir haben immer wieder die Verantwortung, zu gucken, wo ist die Ungleichberechtigung und wenn ich diese behandelt habe, wo ist die n\u00e4chste? Wen schlie\u00dft die Bewegung, die doch f\u00fcr alle Gleichbehandlung erreichen m\u00f6chte, noch aus? Aber das ist kein Lifestyle und nichts, womit man sich schm\u00fcckt. Das ist viel Arbeit.<br>Wir versuchen, das Erlebnis dieser einen Geschichte sp\u00fcrbar zu machen, mit allem, was dazu geh\u00f6rt. Aber es gibt nat\u00fcrlich noch eine Vielzahl von anderen Geschichten. Sarah hat Carolin Emcke angesprochen, welche mit ihrer queeren Perspektive viel zu diesem Thema beitr\u00e4gt, denn es gibt noch einen st\u00e4rker intersektionalen Feminismus als den von Annie Ernaux. Die B\u00fchne kann \u2014 das liebe ich so an ihr \u2014 einen Ausschnitt w\u00e4hlen und diesen als Gegenstand eines Theaterst\u00fcckes machen. Dann gibt es das n\u00e4chste Projekt und irgendwann, in meiner Fantasie, existieren sie alle nebeneinander im Spielplan. Wenn man das klug macht, kann sich das Theater sehr interessant an diesem historischen Prozess beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Obwohl Annie in dem Camp blo\u00dfgestellt wird, ihre Briefe kursieren und \u201aNutte\u2018 an ihren Spiegel geschrieben wird, ist der erste Moment, in dem sie Scham empfindet, nach ihrer Zeit in der Kolonie, als sie Kant und Sartre liest. Annie Ernaux nennt es eine \u201eweibliche\u201c Scham. Was macht ihre Scham weiblich?<\/p>\n\n\n\n<p>EL: Das habe ich mich auch schon \u00f6fter gefragt. Man kann das entweder so lesen, dass es hei\u00dft, die Scham ist spezifisch weiblich, also nur Frauen sch\u00e4men sich f\u00fcr so etwas. Diese Scham kommt nicht vor, ist nicht erlaubt und wird sanktioniert in dieser Philosophie. Sie entsteht daraus, dass Annie dann auch Verantwortung f\u00fcr das \u00fcbernimmt, was ihr passiert. Die Scham entlastet auch ihr Gegen\u00fcber davon, dass er sich falsch verhalten hat. Etwas breiter gedacht, glaube ich immer, wenn ich diese Passage h\u00f6re, sie sch\u00e4mt sich irgendwie auch daf\u00fcr, dass sie dachte, ihre Perspektive h\u00e4tte eine Wertigkeit. In diesen B\u00fcchern kommt diese Perspektive eben nicht vor, da geht es um etwas universal Menschliches. Ich habe diesen Moment sehr pr\u00e4sent, wo man dachte, man hat etwas einzubringen, aber es ist unwichtig, egal und wird bel\u00e4chelt. Das Gro\u00dfartige an der Erz\u00e4hlung von Annie Ernaux ist ja, dass man sieht, dass diese Scham durch dieses Ereignis \u00fcberhaupt erst produziert wird. Wenn sie Simone de Beauvoir liest, kann sie auch einen v\u00f6llig anderen Effekt haben. <\/p>\n\n\n\n<p>VB: Ich denke auch, sie versteht den kategorischen Imperativ von Kant zu kurz. Sie wendet ihn nur auf sich und durch eine patriarchale Brille an: \u201eIch habe mich falsch verhalten, ich als Frau darf meine Lust nicht frei ausleben, das w\u00e4re ganz schlimm.\u201c Aber der kategorische Imperativ auf den Chefbetreuer H angewandt, m\u00fcsste Empathie f\u00fcr das Gegen\u00fcber einschlie\u00dfen und so w\u00fcrde etwas sehr anderes herauskommen \u2014 dann m\u00fcsste er sich sch\u00e4men. <\/p>\n\n\n\n<p>EL: \u201aMan darf andere nicht als Mittel benutzen\u2018 \u2014 was ja genau die Beschreibung dessen ist, was ihr passiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Annie Ernaux geht mit sich selbst hart ins Gericht. Sie schreibt, sie h\u00e4tte in der Nacht gehen k\u00f6nnen und ist doch geblieben. Die Erfahrung hatte f\u00fcr sie auch etwas Dissoziierendes. Wie schafft man das, den Moment, der wiedererz\u00e4hlt wird, mitsamt der Reaktion auf diese Gewalt zu spielen?<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Es ist eine gro\u00dfe Herausforderung. Ich habe jedes Mal Respekt davor, weil die Spielaufgabe ist: spiele, dass es Dich trifft und Du es nicht bemerkst. Es sind zwei Ebenen, die \u00fcbereinander liegen und gleichzeitig gespielt werden m\u00fcssen. K\u00f6rperlich \u00e4u\u00dfert sich diese v\u00f6llige \u00dcberforderung zum Teil dadurch, dass ich komplett einfriere.<\/p>\n\n\n\n<p>EL: Da kommt auch dieser Titel \u201eErinnerung\u201c mit rein. Ich wei\u00df noch, wie wir dar\u00fcber gesprochen haben, ob der Prozess, den du, Veronika, durchl\u00e4ufst, der Versuch sein k\u00f6nnte, sich an etwas zu erinnern, was man aber nicht wirklich bewusst erleben konnte. Das ist immer das Thema von Annie Ernaux &#8211; wie kann ich diese Dinge rekonstruieren, ohne sofort die Erz\u00e4hlung anzunehmen, die die Gesellschaft f\u00fcr mich davon vorgesehen hat? Ich finde es sch\u00f6n, dass wenn Veronika das spielt, wir diese Unm\u00f6glichkeit, sich das wirklich vorzustellen, miterleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-vivid-red-color has-text-color\">TK: Ich glaube den Effekt, sich damit zu identifizieren, habt ihr bei vielen Menschen erreicht und genau das ist es, was Annie Ernaux damals nicht hatte &#8211; dass es ausgesprochen wurde und sie es dadurch besser h\u00e4tte verstehen k\u00f6nnen. Es ist nicht die Erinnerung nur eines M\u00e4dchens, sondern fast jedes M\u00e4dchens.<\/p>\n\n\n\n<p>VB: Ich denke, ein erster Schritt aus dieser Geschichte heraus ist, eine Sprache zu entwickeln und Wissen zu generieren. Wenn ich das Wort \u201eVaginismus\u201c gekannt h\u00e4tte, w\u00e4re mein Leben anders verlaufen. Der K\u00f6rper ist klug. Er reagiert auf gesunde Weise: hier kommt nichts rein. Wenn wir die W\u00f6rter haben, die Dinge klar benennen k\u00f6nnen, k\u00f6nnen wir verstehen, welche Ph\u00e4nomene dahinterstehen und R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen auf das, was uns passiert ist. Wir haben keine Sprache f\u00fcr den Sex, den wir haben. Wir k\u00f6nnen nicht mit der gleichen Verst\u00e4ndlichkeit Vulva sagen, wie wir Handgelenk sagen. Vielen Menschen ist der Unterschied zwischen Vagina und Vulva nicht klar. Wenn wir unsere Geschlechtsteile nicht mal richtig benennen k\u00f6nnen, wie sollen wir dann einen guten Umgang damit finden? Dabei ist einander anzufassen das Verletzlichste, Intimste, Komplizierteste und Sch\u00f6nste, das es gibt. Und es wird immer etwas Intimes bleiben. Ich erz\u00e4hle auch nicht jedem \u00fcber alle meine emotionalen Regungen. Es ist immer etwas,  wor\u00fcber ich entscheiden kann: Was m\u00f6chte ich mit welcher Person teilen? Aber die M\u00f6glichkeit des Teilens \u00fcberhaupt zu haben, darum geht es. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2480\" height=\"2480\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1298\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited.jpg 2480w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-2048x2048.jpg 2048w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-100x100.jpg 100w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-24x24.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-36x36.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Huch-98-Fotografien28-edited-48x48.jpg 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| Tessa Kolberg | BASIEREND AUF \u201eERINNERUNG EINES M\u00c4DCHENS\u201cVON ANNIE ERNAUX \u201eIst sie ich, oder bin ich sie?\u201cIn dem Theaterst\u00fcck \u201eErinnerung eines M\u00e4dchens\u201c an der Schaub\u00fchne, basierend auf dem gleichnamigen Roman der Nobelpreistr\u00e4gerin Annie Ernaux, verschwimmen die Linien zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Realit\u00e4t, Begehren und Scham TW: sexualisierte Gewalt Mit 17 besucht die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2025\/02\/vom-begehren-begehrt-zu-werden-huch-98\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVOM BEGEHREN, BEGEHRT ZU WERDEN &#8211; HUch #98\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1295","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1295","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1295"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1381,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1295\/revisions\/1381"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}