{"id":1254,"date":"2024-06-14T18:13:07","date_gmt":"2024-06-14T16:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1254"},"modified":"2024-06-14T18:13:07","modified_gmt":"2024-06-14T16:13:07","slug":"die-grenzen-der-intersektionalitaet-huch-97","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2024\/06\/die-grenzen-der-intersektionalitaet-huch-97\/","title":{"rendered":"Die Grenzen der Intersektionalit\u00e4t HUch #97"},"content":{"rendered":"\n<p>| Jordan Rant | <\/p>\n\n\n\n<p><em>Theoretische Besch\u00e4ftigung mit Machtverh\u00e4ltnissen ist unerl\u00e4sslich, um eine Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse herbeizuf\u00fchren. Jedoch braucht es daf\u00fcr einen kritischen Blick auf die Sinnhaftigkeit und Grenzen von aktuellen Konzepten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren tauchte ein prominenter Begriff immer h\u00e4ufiger innerhalb des linken Diskurses auf. Ob in Selbstbeschreibungen von Dating-Profilen, auf Insta-Share-Pics oder auch gerne als Schlagwort in Redebeitr\u00e4gen auf Demonstrationen \u2014 gemeint ist dabei kein anderes Konzept als das der <em>Intersektionalit\u00e4t<\/em>. Mittlerweile ist es kaum mehr m\u00f6glich, sich in links(-liberalen) Kreisen zu bewegen, ohne dar\u00fcber zu stolpern. Besonders gern wird \u201eintersektional\u201c als Adjektiv verwendet, um die eigene feministische Positionierung n\u00e4her zu definieren. Wie sinnvoll diese (inflation\u00e4re) Verwendung ist, und was genau<br>das Konzept der Intersektionalit\u00e4t nun alles einbeziehen soll, ist sicherlich streitbar.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Regel wird die Sch\u00f6pfung des Begriffs der Juristin Kimberl\u00e9 W. Crenshaw zugeschrieben. 1989 benannte diese Intersektionalit\u00e4t w\u00e4hrend eines Vortrags zur Diskriminierung Schwarzer Frauen am Arbeitsplatz erstmals als solche. Der Begriff ist aus ihrer Metapher von intersektionaler Diskriminierung durch die Darstellung als Autounfall an einer Stra\u00dfenkreuzung (<em>intersection<\/em>) entstanden. Nach einem Unfall ist dort nicht immer klar, wer ihn verursacht hat: Ebendies, so Crenshaw, passiere bei intersektionaler Diskriminierung, wodurch sie sich von \u201eeinfacher\u201c Mehrfachdiskriminierung unterscheide. Die verschiedenen Machtverh\u00e4ltnisse addieren sich also nicht lediglich, sondern sind untrennbar miteinander verwoben. Aufgrund dessen erfahren Schwarze Frauen Sexismus, beziehungsweise Rassismus anders als <em>wei\u00dfe<\/em> Frauen, beziehungsweise Schwarze M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Crenshaw kn\u00fcpft damit an die Tradition des Schwarzen Feminismus an. Bereits Sojourner Truth benannte ihre Erfahrungen als ehemalige Sklavin und Schwarze Frau bei der Women\u2019s Rights Convention 1851 in den USA als eine Kritik am wei\u00dfen Feminismus, der von der Universalit\u00e4t der Erfahrungen wei\u00dfer Frauen ausgeht. Mit besonderer analytischer Sch\u00e4rfe lieferte auch das Combahee River Collective ein Statement dar\u00fcber, wie die Identit\u00e4t der Gruppenmitglieder als Schwarzer Frauen politisch einzuordnen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Benennung der intersektionalen Wirkweise von Rassismus und Sexismus wurde also nicht von Crenshaw entdeckt, sie gibt uns aber einen neuen Begriff zur Analyse an die Hand. Nun war aber nicht Schluss mit Crenshaw: Intersektionalit\u00e4t gewann im Laufe der Jahre zunehmend an Popularit\u00e4t, bis schlie\u00dflich ein regelrechter \u201eIntersektionalit\u00e4ts-Boom\u201c erfolgte. Durch die langsamen M\u00fchlen der Universit\u00e4ten in die restlichen Interessenbereiche eines links(-liberalen) Publikums \u00fcbergeschwappt, ist Intersektionalit\u00e4t als Konzept aus linken Diskussionen nicht mehr wegzudenken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2239\" height=\"1430\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1275\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1.jpg 2239w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-300x192.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-1024x654.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-768x491.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-1536x981.jpg 1536w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-2048x1308.jpg 2048w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-24x15.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-36x23.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Huch-97-Fotografien16.1-48x31.jpg 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Maximilian Schaaf <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass der Begriff sich h\u00e4lt, und f\u00fcr viele Leute eine erste Grundlage zur Differenzierung der eigenen feministischen Positionierung darstellt, mag alleine nicht als gro\u00dfes Problem erscheinen. Dennoch zieht die Verwendung des Begriffes aber zahlreiche potentielle Probleme mit sich. Abgesehen davon, wie sinnvoll es ist, wenn wei\u00dfe Studierende einen halben Text an intersektionaler Theorie f\u00fcr eine Vorlesung lesen, um sich nun als anti-rassistische <em>Allies<\/em> zu inszenieren, ist eine schl\u00fcssige Anwendung des Begriffs vor allem in Hinblick auf grundlegende Theoriearbeit zu analysieren. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Regel beinhaltet intersektionale Theorie leider \u2014 nicht nur, aber eben auch \u2014 eine riesige Leerstelle bez\u00fcglich Antisemitismus. Die Entwicklung des Begriffs und seiner Theorie ist einem US-amerikanischen, rechtswissenschaftlichen Kontext zuzuordnen: Wenn dieser nun sang- und klanglos in die deutschen Sozialwissenschaften \u00fcbertragen wird, treten diverse Probleme auf. Zum Einen w\u00e4re da der Unterschied zwischen Entstehungsund Anwendungsdisziplin: So erfordert eine juristische Argumentation eine andere Grundlage als eine sozialwissenschaftliche. Der Fokus muss von Problemen einzelner Personen und ihrer individuellen Diskriminierungserfahrung auf die Gesamtgesellschaft \u00fcbertragen werden. Allerdings wird dabei Klasse in intersektionalen Theorien (wenn sie als Analysefaktor miteinbezogen wird) lediglich in Form von Klassismus, und somit als blo\u00dfe Erscheinung der Diskriminierung \u2014 und nicht als grundlegende \u00f6konomischen Ursache \u2014 , verhandelt. Damit wird Klasse als Kategorie zum Identit\u00e4tsmerkmal, anstatt dass diese als den Kapitalismus gesamtgesellschaftlich strukturierende Form anerkannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Infolgedessen begegnet einem von links(-liberaler) Seite oft als Voraussetzung zur Diskussion eine lange Liste m\u00f6glicher Privilegien, die doch bitte \u201egecheckt\u201c werden sollten. Dass dies dem Individuum helfen kann, sich \u00fcber die eigene Position in der Gesellschaft gewiss zu werden, mag sehr gut sein. Jedoch f\u00fchrt ein solch individualisiertes Reflektieren, welche Machtverh\u00e4ltnisse es g\u00e4be, und ob oder inwiefern man alleine von diesen betroffen sei, mitnichten eine Ver\u00e4nderung gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse herbei. Es kommt darauf an zu verstehen, wie diese wirken, wie sie historisch gewachsen sind, und vor allem, was diese Verh\u00e4ltnisse bedingt \u2014 insbesondere dann, wenn wir \u00fcber Antisemitismus sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde in der Antisemitismusforschung bereits festgestellt, dass es sich bei Antisemit_innen eben nicht um lediglich falsch informierte Personen handelt, sondern diese in ihren Ansichten und durch ihr Verhalten eine komplexe, verschw\u00f6rungstheoretische Ideologie reproduzieren. Wird diese Ideologie mit Fakten konfrontiert, dann werden diese in verschw\u00f6rungstheoretischer Manier entweder in ihre Ideologie eingearbeitet oder rigoros angefochten, um am Antisemitismus festhalten zu k\u00f6nnen. Die Vorstellung eines einfachen falschen Bewusstseins funktioniert hier also nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus existieren die USA in einem bestimmten historischen Kontext, welcher sich von der deutschen Geschichte unmissverst\u00e4ndlich unterscheidet. Im Land der tausend versuchten Schlussstriche steht bis heute eine angemessene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, insbesondere der Shoa, aus: Gerade in Deutschland sollte deswegen ein besonderes Augenmerk auf Antisemitismus gelegt werden. Dies<br>funktioniert nicht, wenn die wenig durchdachte Argumentation hervorgeholt wird, dass Antisemitismus blo\u00df eine Form von Rassismus, und deswegen in der Kritik der intersektionalen Theorie mitinbegriffen sei. Neben einem falschen Geschichtsverst\u00e4ndnis beinhaltet dieser Gedanke eine entscheidende theoretische Schw\u00e4che: So funktionieren Rassismus und Antisemitismus als unterschiedliche Ideologien, wie der Historiker und Philosoph Moishe Postone bereits pr\u00e4zise herausgearbeitet hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Er unterscheidet Rassismus und Antisemitismus als Ideologien anhand der Art der Macht, welche den jeweils Betroffenen zugeschrieben wird<sup>1<\/sup>. So wird Juden_J\u00fcdinnen eine Form der nicht konkreten \u00dcbermacht zugeschrieben. Sie werden von Antisemit_innen als <em>\u00fcberlegen<\/em> imaginiert, w\u00e4hrend rassifizierten Personen (trotz oder eben aufgrund) der eigenen Machtzuschreibung der Rassist_innen als<em> unterlegen<\/em> konstruiert werden. Dabei beruft Postone sich auf die Form des modernen Antisemitismus, welche zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt in Erscheinung getreten ist \u2014 n\u00e4mlich im Zuge der Entwicklung zum Kapitalismus. Analog dazu l\u00e4sst sich die Zuschreibung einer nicht fassbaren, abstrakten und universalen Macht gegen- \u00fcber j\u00fcdischen Personen nach Postone mit der Marx&#8217;schen Analyse des Warenfetischs erkl\u00e4ren. An diesem Punkt wird erneut die gesellschaftsstrukturierende Funktion von Klasse im Kapitalismus sowie ihre Verwobenheit mit Ideologien, wie der antisemitischen, deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Warenfetisch beschreibt u.a. die Beziehung zwischen Menschen und Waren, welche im Kapitalismus und der ihm zugrunde liegenden Entfremdung eine zentrale Rolle spielt. Die Herstellung von Waren ist bedingt durch Arbeiter_innen, welche diese produzieren: Durch technischen wie gesellschaftlichen Fortschritt findet im historischen Prozess dieser Herstellung nun zunehmend Arbeitsteilung statt \u2014 eine notwendige Bedingung f\u00fcr die Entfremdung im Arbeits- und Produktionsprozess. Wenn nun etwa ein Tisch hergestellt wird, dann hat er zum Einen seinen reinen Gebrauchswert als Tisch. Jedoch bleibt es nicht dabei: Um den Austausch von Waren zu erm\u00f6glichen, wird Produkten wie dem Tisch ein Tauschwert zugeschrieben, welcher seinen Wert auf dem Markt diktiert. Dieser Wert erscheint den Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft schlie\u00dflich als <em>naturw\u00fcchsig<\/em>, also so, als sei er eine dem Produkt auf nat\u00fcrliche Weise zugrunde liegende Eigenschaft. Eben hierin liegt der ideologische Faktor des Fetischcharakters begr\u00fcndet \u2014 nicht nur darin, dass den Gegenst\u00e4nden ein Tauschwert zugeschrieben wird, sondern, dass dieser als \u201enat\u00fcrlich\u201c verstanden wird, und damit die eigentlichen gesellschaftlichen Beziehungen und ihren warenf\u00f6rmigen Charakter verschleiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Postone macht es als wichtigen Aspekt des Fetisches aus, \u201e[\u2026]da\u00df kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen nicht als solche in Erscheinung treten und sich zudem antinomisch, als Gegensatz von Abstraktem und Konkreten, darstellen\u201c<sup>\u200a2<\/sup>. Hieran wird ersichtlich, was Marx und Engels bereits 1845\/1846 in der deutschen Ideologie<sup>3<\/sup> feststellten: N\u00e4mlich, dass der Fetischcharakter der Ware auch auf menschliche Beziehungen \u00fcbertragbar ist. Dies erscheint den Menschen wieder als naturgegeben, wodurch der Kapitalismus vor allem als abstraktes Ph\u00e4nomen wahrgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommt es nun zur (berechtigten) Wut und Kritik an den kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen, enden sie aufgrund dieses ideologischen Verst\u00e4ndnisses kapitalistischer Beziehungen als \u201eAbstraktes\u201c oft in einer verk\u00fcrzten Antikapitalismuskritik \u2014 und dadurch h\u00e4ufig in Formen des modernen Antisemitismus: \u201eDer \u201aantikapitalistische\u2018 Angriff bleibt jedoch nicht bei der Attacke auf das Abstrakte als Abstraktem stehen. Selbst die abstrakte Seite erscheint vergegenst\u00e4ndlicht. Auf der Ebene des Kapitalfetisch wird nicht nur die konkrete Seite naturalisiert und biologisiert, sondern auch die erscheinende abstrakte Seite, die nun in Gestalt des Juden wahrgenommen wird. So wird der Gegensatz von stofflich Konkretem und Abstraktem zum rassischen Gegensatz von Arier und Jude. Der moderne Antisemitismus besteht in der Biologisierung des Kapitalismus \u2014 der selbst nur unter der Form des erscheinenden Abstrakten verstanden wird \u2014 als internationalem Judentum.\u201c\u200a<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Postone erkl\u00e4rt weiter, dass es sich keineswegs um einen Zufall handelt, dass Juden_J\u00fcdinnen zur Zielscheibe des modernen Antisemitismus bzw. verk\u00fcrzten Antikapitalismus wurden, sondern dies historisch bedingt ist. Ein Blick in die europ\u00e4ische Geschichte verdeutlicht diesen Umstand: \u201eDie Nation war nicht nur eine politische Entit\u00e4t, sie war auch konkret, durch eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Traditionen und Religion bestimmt. In diesem Sinne erf\u00fcllten Juden nach ihrer politischen Emanzipation als einzige Gruppe in Europa die Bestimmung von Staatsb\u00fcrgerschaft als rein politischer Abstraktion.\u201c\u200a<sup>5<\/sup> Wenn wir uns nun im Bereich der Geschichte bewegen, dann sollte auf ein weiteres Ereignis verwiesen werden, welches auf das Alleinstellungsmerkmal des Antisemitismus hindeutet \u2014 n\u00e4mlich die Shoa. Nach Postone war es der \u201eabsolute Vernichtungscharakter\u201c, der diese auszeichnet. Wird rassifizierten Personen in rassistischen Ideologien zumeist eine untergeordnete Existenz zugeschrieben, so zielte der Nationalsozialismus und Antisemitismus auf die vollst\u00e4ndige Ausl\u00f6schung alles j\u00fcdischen Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Es zeigt sich somit, dass die Kritik am Antisemitismus in seiner spezifisch ideologischen Form miteinbezogen werden muss. Gleichwohl sind die zu Beginn ge\u00e4u\u00dferten Kritikpunkte an der Handhabung von Intersektionalit\u00e4t damit nicht automatisch beantwortet. Aufgrund der vorgebrachten Kritik das ganze Konzept der Intersektionalit\u00e4t zu verwerfen, welche auf eine erste Sichtbarmachung der sich gegenseitig durchdringenden Diskriminierungsformen abzielt, ist hierbei allerdings keine L\u00f6sung. Es gilt anzuerkennen, dass es sich um eine wichtige Idee des Schwarzen Feminismus handelt. Die Problematik dieser Idee zeigt sich aber in der gedankenlosen \u00dcbertragung auf deutsche Kontexte und dem ausschlie\u00dflichen Fokus auf Identit\u00e4tsmerkmale.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Antwort darauf braucht es ein geschichtsbewusstes Arbeiten, welches die Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Diskriminierungsformen herausstellen kann, w\u00e4hrend es dabei einen st\u00e4rkeren Fokus auf Ideologien in gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen legt. Wie eine solche Arbeit aussehen kann, zeigt die Soziologin Karin St\u00f6gner: Sie arbeitet seit Jahren zu einem ideologiekritischen Verst\u00e4ndnis von Intersektionalit\u00e4t, deren besonderer Fokus auf der Beziehung zwischen Antisemitismus und Sexismus liegt. Denn die antisemitische Ideologie ist nach St\u00f6gner in vielerlei Hinsicht auch auf Sexismus anwendbar. Gerade zu einer Kritik an dieser k\u00f6nnen intersektionale Theorien einen wichtigen Beitrag leisten. Allerdings ist dabei anzumerken, dass St\u00f6gners Texte keineswegs voraussetzungslos sind. Wer sich bislang nicht oder nur wenig mit Kritischer Theorie besch\u00e4ftigt hat, wird schnell ins Straucheln geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit taucht ein weiteres Problem im Umgang mit Intersektionalit\u00e4t auf. Das Konzept verspricht mit dem Fokus auf Identit\u00e4ten schnelle L\u00f6sungen im Umgang mit Diskriminierung. Die bereits erw\u00e4hnten \u201ePrivilegien-Checks\u201c und \u00c4hnliches sind schnell (ab-)getan \u2014 es braucht keine langwierige Auseinandersetzung mit eigentlicher Theorie um festzustellen, welche Privilegien jemand \u201ebesitzt\u201c. Und nat\u00fcrlich erscheint eine schnelle L\u00f6sung zun\u00e4chst angenehmer, als stunden-, tage-, oder letztendlich jahrelang B\u00fccher zu lesen, um schlussendlich zu verstehen, wie Unterdr\u00fcckungsmechanismen in einer kapitalistischen Gesellschaft funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dennoch darauf hinzuweisen, dass die angenehmeste L\u00f6sung vielleicht nicht diejenige ist, die zu einer tats\u00e4chlichen, positiven Ver\u00e4nderung der Gesellschaft f\u00fchren wird. Gerade dann, wenn wir Ideologien wie Antisemitismus, sowohl alleinstehend wie auch in Verschr\u00e4nkung mit anderen Machtverh\u00e4ltnissen ernsthaft etwas entgegensetzen wollen, braucht es die zwar erm\u00fcdende, letztendlich aber lohnenswerte Theoriearbeit \u2014 um g\u00e4nzlich zu verstehen, woran wir eigentlich Kritik \u00fcben, und was gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse getan werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>1 <\/sup>In links(-liberalen) Kontexten werden j\u00fcdische Personen nun oftmals als wei\u00df imaginiert werden. Dies zeugt von einem verk\u00fcrzten Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnis, zumal es sowohl Juden_J\u00fcdinnen of Color als auch Schwarze Juden_J\u00fcdinnen gibt. Diese k\u00f6nnen nicht nur sowohl von Antisemitismus als auch Rassismus betroffen sein, sondern werden zugleich noch mit einem Ausschluss aus links(-liberalen) Kreisen konfrontiert.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>2<\/sup> Postone, Moishe (2005): <em>Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen<\/em>. Freiburg: ca ira, S. 184.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>3<\/sup> Karl Marx\/Friedrich Engels: <em>Die deutsche Ideologie, in: Marx-Engels-Werke<\/em>. Bd. 3, Berlin 1990.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>4<\/sup> Ebd.: 189.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>5<\/sup> Ebd.: 191<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| Jordan Rant | Theoretische Besch\u00e4ftigung mit Machtverh\u00e4ltnissen ist unerl\u00e4sslich, um eine Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse herbeizuf\u00fchren. Jedoch braucht es daf\u00fcr einen kritischen Blick auf die Sinnhaftigkeit und Grenzen von aktuellen Konzepten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1254","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1254","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1254"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1254\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1276,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1254\/revisions\/1276"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1254"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1254"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1254"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}