{"id":1243,"date":"2024-04-14T11:53:14","date_gmt":"2024-04-14T09:53:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1243"},"modified":"2024-04-14T11:53:14","modified_gmt":"2024-04-14T09:53:14","slug":"kuschelkurs-urlaubskolonialismus-huch-97","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2024\/04\/kuschelkurs-urlaubskolonialismus-huch-97\/","title":{"rendered":"Kuschelkurs Urlaubskolonialismus &#8211; HUch #97"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Gert Hasbr\u00fcler |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist nicht nur das mitteleurop\u00e4ische Auge, das wandert. Schw\u00e4rme von Menschen verreisen jedes Jahr \u2013 um zu \u201eerfahren\u201c, zu entdecken oder um zu \u201elernen\u201c. Doch das bildungsb\u00fcrgerliche Ideal dieses vermeintlichen Erfahrens br\u00f6ckelt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Urlaubszeit ist Erholungszeit. Endlich darf die Last des Alltags abgeworfen werden \u2013 auf der Reise in ferne und nahe L\u00e4nder soll die Abwechslung den sonst so tristen Arbeitsalltag ertragbar machen. Daneben erhofft man sich, den eigenen Horizont zu erweitern, was frei nach Humboldt zur Pers\u00f6nlichkeitsbildung beitragen sollte. Und zugleich nicht unvergessen macht der Urlaub nebenbei sogar noch etwas: Spa\u00df. Doch obwohl der Kapitalismus den modernen Urlaub zum ersch\u00f6pfungsausgleichenden Massenph\u00e4nomen hochskalierte, blicken viele noch mit Humboldts Augen auf die M\u00f6glichkeiten des Verreisens. Es bedarf einer Neubetrachtung: Wie gestalten sich die verschiedenen gesellschaftlichen Aspekte, die das ideologische Ph\u00e4nomen \u201eUrlaub\u201c mitunter annimmt?<\/p>\n\n\n\n<p>Das vielleicht kleinste \u00dcbel des Reisehypes, der mit dem Urlaub identisch geworden ist, sind wahrscheinlich die zahlreichen, studierenden Blagen, die mit ihren Interrailtickets gro\u00dfz\u00fcgig Z\u00fcge verstopfen. Wobei mindestens der eine Teil die Ruheabteile zu Erwachsenen-Spielpl\u00e4tzen umfunktioniert, w\u00e4hrend der andere die schon raren Sitzm\u00f6glichkeiten mit Wanderrucks\u00e4cken okkupierten muss. Dass es mal wieder diese Zeit des Jahres ist, erkennt man auch daran, dass alle Freund_innen und Bekannte der Stadt entflohen sind \u2013 diese aber im Gegensatz zur Weihnachtszeit nicht leerer zu werden scheint. Denn zu Tausenden fallen nun wieder Horden von Urlaubsreifen und Reiselustigen in fremde L\u00e4nder ein. Darum hat sich ein ganzer Lifestyle entwickelt \u2013 das Reisen, das ist auch ein Lebensgef\u00fchl, ein Prestigeobjekt, ein <em>vibe<\/em>. So zieht sich die wohl hochgelobteste Unsitte der westlichen Welt durch die Moderne und macht vor keiner sozialen Schicht halt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ph\u00e4nomen ist genauso intergenerational: Die Jugend wird dazu angehalten, ihre noch freie Zeit zu nutzen, etwas zu erleben um sich und den eigenen Charakter zu bilden. Sie soll etwas sehen von der Welt \u2013 das helfe der Entwicklung \u2013 w\u00e4hrend ihr Weltbild unter den starren Vorgaben von Urlaub und seiner Ausschlachtung damit nur noch fester gezurrt wird. Danach werden sie rastvoll wie widerstandslos in die Produktions- und Verwertungsmaschiniere eingereiht. Der gemeine Erwachsene dagegen muss diese Erlebnisse gelegentlich auffrischen und sich dabei f\u00fcr den Arbeitsalltag fit halten: Schlie\u00dflich ist er auf die Illusion auf Freiheit und Autonomie angewiesen, die ihm die 30 Urlaubstage im Jahr bringen. Der Rentner hingegen nutzt die ihm verbliebene Zeit (sollten Rente und Gesundheit, wie f\u00fcr die wenigsten Menschen, tats\u00e4chlich ausreichen) vor allem f\u00fcr Urlaub, der eher synonym f\u00fcr ausgiebigen Konsum steht, wie dies beispielsweise bei Kreuzfahrten der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend man die \u00c4lteren oft noch an an ihren mit L\u00e4ndern beklebten Koffern erkennen kann, pr\u00e4sentiert sich die j\u00fcngere Generation eher virtuell auf den sozialen Plattformen.<em> Travel, Vacation, Backpacking \u2013<\/em> die Label der modernen Weltenbummler_innen, die stolze Reversnadel, das mutig erk\u00e4mpfte Abzeichen, getragen in den Online-Biographien der digitalen Welt. Die Orden, die es f\u00fcr die Heere des Kulturimperialismus nicht gibt, steckt man sich nun eben selbst an. Zum Andenken holt man sich schlie\u00dflich Souveniere wie als Beute nach Hause und pr\u00e4sentiert sich auf Bildern am Ort ihrer Herkunft. Es wird <em>geposed,<\/em> vor und auf dem, was schon so selbstverst\u00e4ndlich unterjocht ist. So bleibt den Erfahrungshungrigen wenigstens der Schein, sie beg\u00e4ben sich noch in die Unmittelbarkeit von etwas Fremden \u2013 oder gar etwas Natur\u00e4hnlichem. Doch weil sie selbst nur noch als Abbilder ihrer Heimat erscheinen, die der gleichen kapitalistischen \u00d6konomie verfallen ist, erf\u00fcllen sie selbst in der abgelegensten Gegend nur ihre grundlegende Funktion: sich f\u00fcr Arbeit regenerieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Urlaub funktioniert f\u00fcr sie also als eine Invasion, die den eigenen Sieg best\u00e4tigt. Was sich als Fremdes in anderen Kulturen vielleicht noch bewahrt und nicht schon Bekanntes ist, wird gar nicht erst verstanden Die vorgegaukelte Weiterentwicklung der eigenen Person kann so nur noch L\u00fcge sein. Einmarschieren f\u00fcr zwei Wochen \u2013 oder ein halbes Jahr \u2013 hei\u00dft nicht dort leben; die gesellschaftliche Dynamik fremder Kulturen bleibt immer komplex und f\u00fcr Urlaub-Machende in der Regel nicht zwangsl\u00e4ufig verst\u00e4ndlich, geschweige denn in kurzer Zeit erlernbar. Jede Behauptung einer gro\u00dfartigen Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung wird Teil der Urlaubsideologie. Im Zerrbild der mitteleurop\u00e4ischen Brille wird stattdessen nur bestaunt: In allen Urlauber_innen steckt eben doch noch ein sp\u00e4hender kleiner Kolonialist. Das scheinbare positive Anerkennen der Andersartigkeit, der Wunsch, vielleicht irgendwann auszuwandern, um den heimischen Zw\u00e4ngen und seinem Stress zu entfliehen: Auch das bleibt letztendlich Selbstl\u00fcge. Ein gem\u00fctliches Leben in einer italienischen Kleinstadt, Frieden und Erf\u00fcllung vor vietnamesischen Streetfoodst\u00e4nden oder endlich das Gl\u00fcck in kubanisch-sozialistischer Einfachheit zu finden \u2013 es bleiben fremdprojizierte Tr\u00e4ume, die immer die Zw\u00e4nge in der Fremde vergessen. Doch \u00fcberall muss der Lebensunterhalt bestritten werden, und sp\u00e4testens mit regelm\u00e4\u00dfiger Lohnarbeit schleicht sich der selbe Alltag wieder ein und f\u00e4rbt die \u201eneue\u201c Lebenswelt ins gewohnte Grau.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso tragen Billigfl\u00fcge um die ganze Welt schlie\u00dflich bei zum kleinb\u00fcrgerlichen Imperialismus, dessen Tourist_innenenstr\u00f6me die sich darauf einstellenden Kulturen an die eigenen Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche angleichen. Nat\u00fcrlich mag man die Fremde und dessen fremde Menschen begaffen, aber<em> um Gottes Willen<\/em>, bitte keinen Kulturschock provozieren&#8230; Sogar am Ziel der Reise will man den Start eigentlich nicht loslassen. Die globale Hegemonie des Westens etabliert sich so nicht ausschlie\u00dflich auf rein wirtschaftlicher Ebene. Schlussendlich kommt es zur Kulturverschiebung: Der Westen \u00fcbernimmt, besetzt die Welt, \u201edas Wilde\u201c wird eingesperrt in die K\u00e4fige der Tourismusbranche. Die Einheimischen werden nicht interessiert, sondern \u00fcberlegen begafft. So werden sie von der Zahlkraft der Gaffer_innen auch \u00f6konomisch abh\u00e4ngig. Hat sich der Tourismus einmal so festgesetzt, stellt sich die \u00f6rtliche Wirtschaft v\u00f6llig darauf ein und es wird zur mittelschweren Katastrophe, bleibt jene_r einmal aus, wie es sich w\u00e4hrend der Covid-Pandemie zuletzt zeigte. Um die 70% der internationalen Ank\u00fcnfte gingen zur\u00fcck, was vor allem die stark vom Tourismus abh\u00e4ngigen L\u00e4nder vor eine gro\u00dfe Herausforderung stellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Inland macht die \u00dcberheblichkeit der Eigen- vor der Fremdgruppe nicht halt. Kleine Tagesausfl\u00fcge oder Kurzurlaube im eigenen Land, um die Errungenschaften seiner Mit-Deutschen zu bewundern, bleiben bei herablassend-belustigenden bis neidvollen Blicken, und schlie\u00dflich bleibt der Austausch bei einer Verteidigung des \u201aDaheim ist es doch immer noch am sch\u00f6nsten\u2018-Mantras. Gleichzeitig wird auch hier Lebensqualit\u00e4t f\u00fcr Profit dezimiert. Wo Gentrifizierung schon ein \u00dcbel ist, ist die Tourismusbranche nicht weit und tr\u00e4gt ebenso zur Verdr\u00e4ngung bei. Wohnraum wird unter der Schirmherrschaft des freien Marktes zu Ferienwohnraum, der noch einmal mit h\u00f6heren Mieten ausschlie\u00dflich an Tourist_innen vermietet wird. Mit AirBnB hat dieser Markt noch viel gr\u00f6\u00dfere Profite generieren k\u00f6nnen und reserviert dringend notwendigen Wohnungen in Gro\u00dfst\u00e4dten f\u00fcr Tourist_innen. Von dort aus werden die St\u00e4dte dann \u00fcberlaufen und niedergetrampelt, bis die abgeschliffenen Ecken und Kanten \u00fcberall gleich gl\u00e4nzen und sich die \u201abeschauliche Altstadt\u2018 nicht mehr von der Einkaufsmeile moderner Gro\u00dfst\u00e4dte unterscheidet. Das Entscheidende ist: Es soll nicht nur viel konsumiert werden \u2013 Reisen als Hobby wird leicht verdauliches Konsumgut.<\/p>\n\n\n\n<p>Konsumiert werden dabei Orte, die schlie\u00dflich auf To-Do-Listen abgehakt werden. Werden sch\u00f6ne Ansichtskarten oder Urlaubsfotos als spa\u00dfige Erinnerungen pr\u00e4sentiert, d\u00fcrfen sich auch andere neidvoll an der Glorie der mitgebrachten Erlebnisse erg\u00f6tzen und sich angestachelt f\u00fchlen, zu ihrem eigenen Feldzug aufzubrechen. Das Aufz\u00e4hlen der Errungenschaften des sich selbst verschriebenen Kosmopolitismus durch rastloses Welterobern, das nicht nur keine Zeit l\u00e4sst f\u00fcr sinnliche Erfahrung, misst zugleich das Ausma\u00df der b\u00fcrgerlichen Borniertheit. Von der noblen Absicht des Bildens und Erfahrens bleibt so nichts mehr \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist das in manchen Gegenden aufkommende Ressentiment gegen die Touristen nicht nur mehr als verst\u00e4ndlich: Doch leider bleibt es im Protest meist bei zur\u00fcckhaltendem Gebaren und einer handvoll Graffiti. Dabei kann man Tourist_innen nicht genug Hass entgegenbringen \u2013 bevor, und auch nachdem die eigene Wirtschaft, damit vielleicht auch das eigene \u00dcberleben von ihnen abh\u00e4ngig geworden ist. Sie verdienen dieselbe Abneigung wie jede_r Chef_in oder Polizist_in die_der eine_n unter die fremde Knute zwingt. Dass diese Abneigung richtig und wichtig w\u00e4re, wird auch nicht dadurch geschm\u00e4lert, dass es wohl ein Kampf gegen Windm\u00fchlen bleiben wird. Politisch wird sich nichts tun. Wenn es \u00f6konomisch n\u00fctzt, wird des Tourismus unaufhaltsam als durchweg positiv gef\u00f6rdert. Von Landes- bis auf Kommunalebene ist man sich hierin also einig und wiederholt phrasenhaft: Es hilft der Wirtschaft und damit dem Land sowie der Kommune.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende glauben die Reisenden schlie\u00dflich selbst an ihren Erfahrungsreichtum und ihre Reife, die ihnen gesellschaftlich zugesprochen wird. Das ist eine Vorstellung, die sich durch die Ideengeschichte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zieht \u2013 von der Odysee \u00fcber Alexander von Humboldt bis zu jedem Abiturienten aus reichem Elternhaus. Reste dieser Vorstellung bleiben am Mythos Reise weiterhin haften, und alle, die sich heute auf selbige begeben, rechnet man einmal mehr zu, den Strapazen der Heimat standhaft zu trotzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch steigende Flugpreise oder Bedenken bez\u00fcglich des Klimaschutzes halten die Reiselustigen nicht ab: Der weltweite Flugverkehr ist laut Daten der International Air Transport Association jetzt schon fast wieder auf Vor-Pandemieniveau. Das Luftfahrt-Tracking-Unternehmen Flightradar24 berichtet von einem Rekord an kommerziellen Fl\u00fcgen seit Erhebung der Daten im Jahr 2006. Influencer_innen tragen zum Hype bei. Als personifizierte Werbebanner propagieren sie nicht nur Produkte, sondern auch einen <em>lifestyle<\/em>. Dort scheint sich alle M\u00fchsal in der Fremde aufzul\u00f6sen, die selbst im kleinen italienischen Bergdorf noch luxuri\u00f6s daherkommt und alle wertvolle Erfahrung, die auf solch entfremdeter Ebene kaum noch erreichbar ist, wird in \u00fcberspitzter cuteness und Niedlichkeit verdinglicht. Dem schlie\u00dfen sich f\u00fcr die letzten echten Abenteurer_innen des Urlaubs hemds\u00e4rmlige B\u00fcrgerkinder an. Nach dem Abitur mit 10\u20ac und einem Unterhemd \u00fcber den Globus gereist, verkaufen sie ihre Erlebnisse zum Nachahmen in Form von Reiseberichten und unterrichten in Insta-Postings. Da stellt sich so mancher Person vielleicht die Frage: Wozu auch die Welt erblicken, wenn man sie in H\u00e4ppchenform serviert bekommt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Gert Hasbr\u00fcler | Es ist nicht nur das mitteleurop\u00e4ische Auge, das wandert. Schw\u00e4rme von Menschen verreisen jedes Jahr \u2013 um zu \u201eerfahren\u201c, zu entdecken oder um zu \u201elernen\u201c. Doch das bildungsb\u00fcrgerliche Ideal dieses vermeintlichen Erfahrens br\u00f6ckelt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1243","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1243","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1243"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1243\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1244,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1243\/revisions\/1244"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1243"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1243"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1243"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}