{"id":1229,"date":"2024-03-21T09:57:42","date_gmt":"2024-03-21T08:57:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1229"},"modified":"2024-07-02T13:21:23","modified_gmt":"2024-07-02T11:21:23","slug":"keine-uni-fuer-taeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2024\/03\/keine-uni-fuer-taeter\/","title":{"rendered":"Keine Uni f\u00fcr T\u00e4ter &#8211; HUch #97"},"content":{"rendered":"\n<p>| von HUch-Redaktion &amp; RefRat |<\/p>\n\n\n\n<p>Der anonym ver\u00f6ffentlichte Indymedia-Artikel \u201eKeine Uni f\u00fcr T\u00e4ter\u201c\u200a<sup>1<\/sup> benannte am 13.07.2023 Dr. Andreas Kohring vom Lehrstuhl Alte Geschichte erstmalig als mutma\u00dflichen T\u00e4ter an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Er wird darin bezichtigt, \u201edie Uni f\u00fcr alle Menschen in seinen Vorlesungen und an seinem Lehrstuhl durch verbale und k\u00f6rperliche sexualisierte Gewalt zur H\u00f6lle zu machen\u201c\u200a.<sup>2<\/sup> Diese Vorw\u00fcrfe und die darauffolgende starke Medienresonanz setzten einen Prozess in Gange, welcher am 30.08.2023 darin gipfelte, dass Andreas Kohring offiziell gek\u00fcndigt wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der RefRat arbeitete daf\u00fcr intensiv mit den Betroffenen wie auch der Universit\u00e4tsleitung zusammen, um den Schutz Studierender vor weiterem potentiellen Machtmissbrauch seinerseits zu gew\u00e4hrleisten. Die HUch-Redaktion solidarisiert sich mit allen Betroffenen und findet es richtig, dass dieser l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Schritt seitens der Universit\u00e4tsleitung get\u00e4tigt wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Einordnung der Ereignisse ver\u00f6ffentlichen wir die Stellungnahme des RefRats vom 24.07.2023, welche n\u00e4her auf die vorangegangene Chronik und die erfolgte Arbeit der involvierten Referate \/ der zust\u00e4ndigen AG des RefRats eingeht, wie auch folgende Schritte und Konsequenzen, die der RefRat zieht, beleuchtet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Indymedia-Artikel auch den Referent_innen vorwirft, nicht hinreichend Ma\u00dfnahmen ergriffen zu haben, um Betroffene zu sch\u00fctzen, m\u00f6chten wir diese Kritik mittels der zus\u00e4tzlichen Informationen, die die Stellungnahme des RefRats aufbereitet, in das entsprechende Verh\u00e4ltnis setzen. Gleichzeitig sind wir dem Kollektiv, das die anonyme Ver\u00f6ffentlichung auf Indymedia initiierte, dankbar f\u00fcr alle Kritik und selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr den Prozess, den sie damit angesto\u00dfen haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>(Gek\u00fcrzte) Stellungnahme des RefRats<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Content Note: sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der RefRat arbeitet in Form einer Arbeitsgemeinschaft bereits seit April diesen Jahres gemeinsam mit der FSI Geschichte und deren Awareness-Team zur Aufarbeitung von Vorw\u00fcrfen der sexualisierten Gewalt am Institut f\u00fcr Geschichte. Wir nahmen dabei die Funktion einer beratenden sowie vermittelnden Stelle ein \u2014 f\u00fchrten Gespr\u00e4che mit dem Uni-Pr\u00e4sidium, boten rechtliche Beratung an und versuchten gemeinsam L\u00f6sungen zu finden, die f\u00fcr alle Beteiligten und insbesondere bereits Betroffene funktionieren w\u00fcrden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Uns ist es wichtig, dass sich Betroffene jederzeit vertraulich an uns wenden k\u00f6nnen. Deshalb stand f\u00fcr uns und die Fachschaft der Schutz der Betroffenen an erster Stelle. Diesen Schutz konnten wir bei einer vorschnellen Einbeziehung der \u00d6ffentlichkeit nicht mehr gew\u00e4hrleisten. Aus diesem Grund \u2014 und auch, weil sich teilweise Verbesserungen in der Situation am Institut abzeichnete \u2014 entschieden wir uns gegen eine Ver\u00f6ffentlichung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine dieser Verbesserungen war die Einf\u00fchrung einer Sechs-Augen-Regel, nach der Sprechstunden mit Dr. Kohring nur noch online und in Anwesenheit der Frauenbeauftragten Prof. Birgit Aschmann durchgef\u00fchrt werden sollten. Diese Ma\u00dfnahme war weder ausreichend, noch wurde sie ausnahmslos eingehalten. Trotz der Vereinbarung wurden uns F\u00e4lle gemeldet, in denen Dr. Kohring wieder allein mit Studierenden sprach. Selbst unter der Voraussetzung, dass die Umsetzung fl\u00e4chendeckend, gewissenhaft und umfassend stattgefunden h\u00e4tte, bleibt festzustellen, dass die Begrenzung von Sprechstunden eine unzureichende und absurde Ma\u00dfnahme bei einem, wie es auf Indymedia hei\u00dft, \u201ebekannterma\u00dfen sexistischen Dozenten\u201c ist. Wenn sich jemand vermehrt verbal und physisch \u00fcbergriffig verh\u00e4lt, wie es Andreas Kohring getan haben soll, ist davon auszugehen, dass Barrieren wie diese Regel umgangen werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns ist und war klar: Dozierenden, die sich \u00fcbergriffig verhalten haben, muss ihre Machtposition umfassend entzogen werden. Dies ist umso wichtiger bei Dozierenden, bei denen diese \u00dcbergriffigkeiten ein seit Jahrzehnten anhaltendes Vorgehen sein soll. Den Zugriff eines \u00fcbergriffigen Dozenten auf Studierende lediglich zu reduzieren, kommt gleichbedeutend mit der Akzeptanz, dass weitere Personen von Grenz\u00fcberschreitungen betroffen werden. Es tut uns leid, dass wir unserer Verantwortung nicht nachgekommen sind, Studierende ausreichend zu sch\u00fctzen. Das Brechen des Schweigens m\u00f6chten wir aber auch als Chance verstehen: Die Aufarbeitung beginnt und endet nicht mit diesem Indymedia-Artikel. Wir wissen, dass die Universit\u00e4t f\u00fcr viele marginalisierte Menschen, und speziell Studierende und Mitarbeitende mit Sexismus-Erfahrungen, kein sicherer Ort ist. Sei es, wie k\u00fcrzlich geschehen, dass auf der Party einer (anderen) Fachschaft K.O.-Tropfen in Getr\u00e4nke gesch\u00fcttet werden, und sich die Fachschaft s\u00e4mtlicher Verantwortung entzieht, nur um anschlie\u00dfend erneut Veranstaltungen ohne Awareness-Konzept durchzuf\u00fchren, oder, dass Dozierende sich in Vorlesungen ungehindert und unwidersprochen sexistisch, trans*feindlich und rassistisch \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen: Wir wissen von gen\u00fcgend F\u00e4llen, in welchen Personen in Machtposition innerhalb der Universit\u00e4t mal subtiler, mal weniger subtil grenz\u00fcberschreitend aktiv waren. Viel zu oft wird den Betroffenen von verantwortlichen Stellen kein Geh\u00f6r geschenkt und die Verantwortlichkeit von sich geschoben. Dass die Unversit\u00e4tsleitung, mehrere Generationen von Instituts- und Fakult\u00e4tsleitungen, verschiedenste Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte \u2014 wie auch im sogenannten \u201eKomplex Andreas Kohring\u201c \u2014 Bescheid wissen, ist dabei nicht die Ausnahme.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In Gespr\u00e4chen mit Studierenden aus dem Fachbereich wurde uns berichtet, dass die ersten kritischen Anmerkungen seitens der Studierendenschaft in der Causa Kohring bereits im Sommersemester 1997 im Rahmen von Evaluationen registriert worden seien. Erst zehn Jahre sp\u00e4ter sei dann sein unfreiwilliger R\u00fccktritt als Studiendekan erfolgt. Ausl\u00f6ser soll eine Abmahnung wegen sexueller Bel\u00e4stigung durch den damaligen Pr\u00e4sidenten der HU, Christoph Markschies, gewesen sein. Als Dozent behielt man ihn trotzdem.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbergriffe wie solche, die Andreas Kohring vorgeworfen werden, finden dabei nicht im luftleeren Raum statt. Universit\u00e4ten, wie auch die HU, schaffen einen Raum in dem T\u00e4ter gesch\u00fctzt werden, indem ihnen Macht verliehen wird und sie ohne jegliche Kontrollinstanzen unhinterfragt mit dieser umgehen k\u00f6nnen. Universit\u00e4ten sind dabei in einem besonderen Ma\u00dfe anf\u00e4llig daf\u00fcr, Machtstrukturen wie diese zu verfestigen und aus den entstehenden \u00dcbergriffigkeiten in \u00fcblicher b\u00fcrokratischer Manier keine angebrachten Konsequenzen, geschweige denn Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen, abzuleiten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Schlussfolgerungen daraus sind folgende: Wir werden weiterhin Druck auf alle Stellen der Universit\u00e4t aus\u00fcben, dass ein \u201eWeiter so\u201c nicht akzeptabel ist. Wir fordern, dass sich die zust\u00e4ndigen Stellen innerhalb der Universit\u00e4t deutlicher auf die Seite von Betroffenen stellen und in deren Sinne handeln. Es muss deutlich fr\u00fcher und konsequenter eingegriffen werden. Wir werden uns au\u00dferdem weiter f\u00fcr die Aufarbeitung bereits gemeldeter Vorf\u00e4lle, Aufkl\u00e4rung der Vorw\u00fcrfe seitens der Universit\u00e4t als Arbeitgeberin und die Sensibilisierung von Lehrpersonal und weiteren Universit\u00e4tsangeh\u00f6rigen einsetzen. Dar\u00fcber hinaus ist f\u00fcr uns klar, dass auch wir unseren Umgang mit der Situation reflektieren und unsere Arbeitsweise f\u00fcr die Zukunft anpassen m\u00fcssen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Uns ist es wichtig, dass wir weiterhin als Institution verstanden werden, die sich kritisch mit Machthierachien auseinandersetzt. F\u00fcr Betroffene von sexualisierter Gewalt werden wir auch weiterhin im Sinne der Parteilichkeit und Definitionsmacht agieren. Betroffene k\u00f6nnen sich jederzeit an den RefRat oder die uns angegliederte Beratungsstruktur wenden. Um uns f\u00fcr die Interessen von Betroffenen sexualisierter Gewalt einzusetzen, sind wir auch bereit, uns inner- und au\u00dferhalb der Universit\u00e4t gegen gewaltvolle Strukturen querzustellen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><strong>Ansprechstellen<\/strong>:&nbsp;\n\n<strong><a href=\"http:\/\/www.refrat.de\/adb.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"www.refrat.de\/adb.html\">Die Antidiskriminierungsberatung im RefRat<\/a><\/strong>: www.refrat.de\/adb.html&nbsp;\n\n<strong><a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/sen\/lads\/beratung\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"www.berlin.de\/sen\/lads\/beratung\/\">Die Landesbeauftragte f\u00fcr Antidiskriminierung<\/a><\/strong>: www.berlin.de\/sen\/lads\/beratung\/&nbsp;\n\n<strong><a href=\"http:\/\/www.refrat.de\/queer_fem.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"www.refrat.de\/queer_fem.html\">Das Referat f\u00fcr Queer_Feminismus<\/a><\/strong>: www.refrat.de\/queer_fem.html<\/pre>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup>&nbsp; Vgl. www.de.indymedia.org\/node\/291714&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><sup>2<\/sup> Ebd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von HUch-Redaktion &amp; RefRat | Der anonym ver\u00f6ffentlichte Indymedia-Artikel \u201eKeine Uni f\u00fcr T\u00e4ter\u201c\u200a1 benannte am 13.07.2023 Dr. Andreas Kohring vom Lehrstuhl Alte Geschichte erstmalig als mutma\u00dflichen T\u00e4ter an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. 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