{"id":1166,"date":"2023-10-05T16:52:16","date_gmt":"2023-10-05T14:52:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1166"},"modified":"2023-10-05T17:45:15","modified_gmt":"2023-10-05T15:45:15","slug":"der-boese-blick-huch96","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2023\/10\/der-boese-blick-huch96\/","title":{"rendered":"Der B\u00f6se Blick &#8211; HUch#96"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Moritz Vogt |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Aufr\u00fcstung auf den Stra\u00dfen beginnt: Der Automobilindustrie sei Dank gelangen die k\u00fchlen Blicke nun \u00fcber grelle Scheinwerfer direkt in die Herzen Deutschlands.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO-1024x783.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1172\" width=\"560\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO-1024x783.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO-300x229.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO-768x587.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO-24x18.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO-36x28.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO-48x37.jpg 48w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/huch-96-Illustration33_MO.jpg 1188w\" sizes=\"auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Bild: frieedland<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Es ist ein leidiges Thema: Autos und ihre Fahrer_innen. Sowohl die Gruppe mit einem der st\u00e4rksten Lobbybackings des ganzen Landes als auch die schw\u00e4chsten Glieder, die sich jeden Tag von Sprit-Preisen, Fahrrad-Fahrer_innen und Klima-Klebern in ihrer Freiheit bedroht sehen. Ganz gleich, wie viele Airbags oder wie schwer das Gef\u00e4hrt: Man lebt in st\u00e4ndiger Gefahr, nie ist man sicher. Was, wenn man auf den Autobahnen eines Tages vielleicht nicht mehr die Kraft seiner Hundertschaften an teutonischen Pferden voll ausleben darf? Was, wenn das Parken in der Innenstadt bald mehr kostet, und man in die verhasste U-Bahn steigen muss? Allein die erahnbaren Bedrohungen sind mannigfaltig und allgegenw\u00e4rtig. Das Auto ist die USA in der Zeit des Red-Scare: Der Boss, und doch jederzeit im Begriff kl\u00e4glich unterzugehen. Diesen Stress sieht man den vierr\u00e4drigen Freunden an: Ihr Blick argw\u00f6hnt von den Haltelinien der Ampeln in den Gegenverkehr, die Scheinwerfer-Augen zu Schlitzen aus LEDs verzogen, eine Grimasse der St\u00e4rke, der H\u00e4rte, der Isolation. In den Herzen unserer echten Golems ist es kalt geworden. Es herrscht Krieg auf den Stra\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nat\u00fcrlich Unsinn. Egal, wie sehr \u201ewir Deutschen\u201c das Auto als liebstes Ding verg\u00f6ttern, oder als Henker der Lebensqualit\u00e4t in Ballungsr\u00e4umen stilisieren, sie sind keine Wesen. Ihre K\u00fchlergrills sind keine M\u00fcnder, ihre Scheinwerfer keine Augen, und es besteht keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen \u2013 zwar durchaus ausgekl\u00fcgelten \u2013 Haufen Blech, diese auch noch nach \u201eEmotion\u201c zu ver\u00e4ndern. Das Auto ist am Ende ein Ding. Rein rechnerisch energetisch ineffizient, gef\u00e4hrlich, durchaus auch manchmal spa\u00dfig, aber eben ein Gegenstand. Jedoch \u2013 wie es Gegenst\u00e4nde doch oft genug an sich haben \u2013 ein von Menschen erschaffener. Menschen, die m\u00f6glicherweise ganz genau wissen, dass wir eben doch Gesichter in ihren Fronten sehen. Menschen, die diese emotionale Assoziation vielleicht ganz bewusst erzeugen m\u00f6chten. War der \u201eB\u00f6se Blick\u201c, wie er in den 2000ern noch \u2013 teils ironisch, teils ernst, teils ver\u00e4chtlich \u2013 genannt wurde, ein Produkt einfacher Tuner_innen und Autonarren, die ihren Opel Corsa optisch in die Richtung der Sportwagen-Idole r\u00fccken wollten, so ist er heute die Norm. Aber warum? Warum haben diese so stadtbildpr\u00e4genden Gegenst\u00e4nde ihr L\u00e4cheln gegen eine angriffslustige Fratze getauscht? Und was k\u00f6nnte man daraus kulturell folgern?<\/p>\n\n\n\n<p>Es hilft, sich zu den Anf\u00e4ngen dieses Designtrends zu orientieren. Denn Aggressivit\u00e4t in der Optik ist auch bei Personenkraftwagen im Endeffekt nichts komplett Neues. Renn- und damit auch Sportwagen waren schon immer \u201eschnittig\u201c, also flach, breit, spitz, um m\u00f6glichst gut durch die so widerst\u00e4ndige Luft zu schneiden, und damit die Gegner_innen im Motorsport hinter sich zu lassen. Ob da ein (pseudo-)psychologischer Aspekt von Einsch\u00fcchterung, wie bei einer Kriegsbemalung, dazukommt, dar\u00fcber mag man r\u00e4tseln. Eines bleibt aber so oder so: Optische Feindseligkeit kommt aus dem Wettkampf. Wer ist schneller, wer besser, wer hat\u2019s mehr drauf? Die Person mit dem krasseren Wagen. Und wenn nicht, dann sieht sie zumindest so aus, und zeigt es durch markante Linien auch allen. Dass dieses Denken irgendwann auch zu den ordin\u00e4ren Karren des normalverbrauchenden Ottos durchsickert, ist nur logisch, denn wer w\u00e4re in dieser Gesellschaft nicht gerne mehr, als er oder sie ist? Nur verr\u00fcckt, dass es jetzt so allgegenw\u00e4rtig ist. Selbst die sonst immer so sanft anmutenden Franzosen der Peugeots und Citroens, die sich jedes Vergleiches bisher vornehm enthielten, machen mit beim Maskenball. Warum, fragt man sich wieder? Den Grund haben wir noch nicht ganz erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Anfang im Rennsport kann man noch als beinahe unumg\u00e4nglich und fast nat\u00fcrlich ansehen. Wirklich um sich gegriffen hat diese Krankheit der automobilen Visagen ab einem bestimmten Punkt: September 2006. Was geschah zu dieser Zeit? Audi stellte seinen neuesten \u2013 man k\u00f6nnte auch sagen seinen ersten echten \u2013 Sportwagen vor: Den Audi R8. Baugleich mit dem VW-Konzernbruder Lamborghini Gallardo \u2013 einem waschechten \u201eSupercar\u201c also \u2013 war er ein Schritt f\u00fcr den deutschen Hersteller, seinen Namen international mit etwas anderem in Verbindung zu bringen, als etwas luxuri\u00f6ser ausgestatteten Volkswagen-Modellen. In der Branche nennt man diese Praxis ein sogenanntes \u201eHalo Car\u201c. \u201eHalo\u201c vom englischen Wort f\u00fcr Heiligenschein, und Heiligenschein, weil dieses \u201eHalo Car\u201c ganz anders als das sonstige Firmenrepertoire ist: Luxuri\u00f6ser, schneller, auff\u00e4lliger, und so weiter. Audi war mit diesem Schritt an sich auch nicht der erste und nicht der letzte Hersteller. Das Design jedenfalls ist markant: Falkenartige Augen, Pupillen aus Projektorscheinwerfern, steile Brauen aus LED-Schwingen. Inspiriert ist dieses Aussehen vom drei Jahre vorher erschienenen Konzept des \u201eLe Mans Quattro\u201c \u2013 die Rennstrecke l\u00e4sst wieder gr\u00fc\u00dfen. Der Clou des R8 ist aber nicht einfach, dass er so aussah, denn viele Sportwagen sahen und sehen so aus. Es ist der Fakt, dass Audi, ein gewisserma\u00dfen gew\u00f6hnlicher Hersteller, an diesem Modell den gesamten Rest seiner Modellpalette designtechnisch ausrichten w\u00fcrde. Das war bei den \u201eHalo Cars\u201c fr\u00fcherer Zeiten meist anders, und wenn es doch so war, dann sah der Designpate nicht so grimmig aus. Das ist es, was den R8 so besonders macht, und weshalb man ihn durchaus als Vorboten des kommenden Wettr\u00fcstens sehen kann. Bald sollten A3, A4, A6, und alle anderen kleineren Geschwister dem leuchtenden Beispiel des R8 folgen, und ebenfalls verschlagen durch die Welt linsen. Aufwertung der gesamten Flotte am gro\u00dfen Bruder war die Intention. Doch heute k\u00f6nnen wir sehen, dass es unbeabsichtige Konsequenzen nach sich zog.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die anderen Hersteller? Die folgten brav nach. Einige langsam, einige wiederum sehr schnell. Die von Marketingabteilungen \u201emarkant\u201c genannten \u201eGesichtsz\u00fcge\u201c erfreuten sich jedenfalls gro\u00dfer Beliebtheit, was in dieser Welt kein Wunder ist. Denn man sieht dieses Ph\u00e4nomen der Aufr\u00fcstung \u00fcberall wiederholt, in der Automobilwelt und auch im Rest der Gesellschaft. In einer Zeit nach der globalen Bankenkrise \u2013 in die der offizielle Verkaufsstart des R8 fiel \u2013 wurden Menschen eben nicht durch schwere Zeiten zusammengeschwei\u00dft, wie man es als naiver junger Mensch vielleicht denken \u2013 oder zumindest hoffen \u2013 w\u00fcrde. Nein, der Gedanke der Konkurrenz verlie\u00df die K\u00f6pfe nicht, wenn, dann wurde er \u00fcberhaupt nur verst\u00e4rkt. Ein aggressiv anmutendes paar Scheinwerfer auf der Gegenfahrbahn? Da muss man dagegenhalten! Und so wurde aus dem Alleinstellungsmerkmal eines Audis allm\u00e4hlich Normalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleichbar ist das mit den so unpassend genannten \u201eSports Utility Vehicles\u201c (kurz: SUVs) genannten Autobahnbombern, die weder besonders sportlich oder praktisch, daf\u00fcr doppelt so viel Vehikel wie n\u00f6tig sind. Anfangs zog vielleicht das Argument \u201emehr Unfallsicherheit\u201c \u2013 aber das war schon immer eine Sicherheit auf Kosten anderer, kleinerer Verkehrsteilnehmer. Jetzt, wo ein gro\u00dfer Teil Ger\u00e4tschaften mit einem Leergewicht von zwei Tonnen und mehr \u00fcber den Asphalt bewegt, ist auch dieser Vorteil pass\u00e9. Die Kosten tragen dann alle anderen. Die Fu\u00dfg\u00e4nger_innen und Radfahrer:innen werden bei Unf\u00e4llen noch schwerer verletzt, und auch Stra\u00dfen werden aufgrund der hohen Achslast noch mehr in Mitleidenschaft gezogen. Die schlechtere Rundumsicht aus den Schie\u00dfscharten \u00e4hnlichen Fenstern f\u00fchrt zu noch mehr Unf\u00e4llen, h\u00f6here Motorisierung aufgrund des metallenen \u00dcbergewichts sorgt f\u00fcr zu schnelles Fahren und die hohe Sitzposition zu \u00dcbersch\u00e4tzung der eigenen F\u00e4higkeiten. Und zu allem \u00dcberfluss wird dabei noch mehr Sprit verfahren, noch mehr Gummi verbraucht, werden noch mehr Bremsen abgefahren, und noch mehr Metall geschmolzen. W\u00e4hrenddessen schauen alle auch noch um einiges finsterer drein. Kurzum: Die typischen Kollateralsch\u00e4den einer Aufr\u00fcstung. Denn, Nicht vergessen: Wir befinden uns im Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also tun? An der Aufr\u00fcstung teilnehmen, wie es unsere so blutl\u00fcsterne Gesellschaft nahelegt? Sollen wir uns Herzensk\u00e4lte und Isolation hinter Sicherheitsverglasung im meterhohen SUV-Turm hingeben? Zu ebenso aggressiven Mitteln greifen, und als Tarnbomb-Radler_innen zum Gegenangriff \u00fcbergehen? Nein. Wie bei jeder eskalierenden Gewaltspirale hilft nur Besinnung und strenge Enthaltung. Fahrt Renault Twingo und strahlt durch grinsende Kulleraugen-Scheinwerfer radikale Freude aus. Lasst die Fenster herunter und spielt Gute-Laune-Musik, l\u00e4chelt den entnervten Dr\u00e4ngler_innen auf der Autobahn durch den R\u00fcckspiegel an und lasst euch nicht hetzen, fahrt unter dem Tempolimit. Lasst euch nicht den Tag verderben, nur weil andere in stumpfsinniges Starren verfallen sind, bewahrt einen k\u00fchlen Kopf. Oder: Entzieht euch dem automobilen Wahnsinn. Fahrt Rad, steigt in die Bahn oder lauft ganz einfach. Sicherlich einfacher in der Stadt als auf dem Land, aber irgendwo muss man anfangen. Frei nach dem Spruch: Stell dir vor, es ist Stra\u00dfenkrieg, und keiner f\u00e4hrt hin. W\u00e4re das nicht sch\u00f6n?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Moritz Vogt | Die Aufr\u00fcstung auf den Stra\u00dfen beginnt: Der Automobilindustrie sei Dank gelangen die k\u00fchlen Blicke nun \u00fcber grelle Scheinwerfer direkt in die Herzen Deutschlands.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1166","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1166","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1166"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1166\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1173,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1166\/revisions\/1173"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1166"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1166"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1166"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}