{"id":1138,"date":"2023-07-30T14:14:23","date_gmt":"2023-07-30T12:14:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1138"},"modified":"2023-07-30T14:14:24","modified_gmt":"2023-07-30T12:14:24","slug":"die-aesthetik-des-maeusebunkers-huch96","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2023\/07\/die-aesthetik-des-maeusebunkers-huch96\/","title":{"rendered":"Die \u00c4sthetik des M\u00e4usebunkers &#8211; HUch#96"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Julia Savchenko |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die ambivalente Rolle des imposanten brutalistischen Bauwerks am Berliner Teltowkanal wirft nicht nur im Diskurs um seine Erhaltung Fragen auf, sondern verweist auf gesellschaftspolitische Debatten rund um Architektur und ihre soziale Bedeutung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-1024x899.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1140\" width=\"522\" height=\"457\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-1024x899.jpg 1024w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-300x263.jpg 300w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-768x674.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-1536x1348.jpg 1536w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-2048x1798.jpg 2048w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-24x21.jpg 24w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-36x32.jpg 36w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/huch-96-Illustration16_JULIA-1-48x42.jpg 48w\" sizes=\"auto, (max-width: 522px) 100vw, 522px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Bild: frieedland<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich die diskursiven Fronten um den Betonkoloss verdichten, steht der M\u00e4usebunker unbeirrt wehrhaft am Ufer des Teltowkanals. Das trapezf\u00f6rmige, mit Bullaugen ausgestattete Bauwerk, auch bekannt als Forschungseinrichtung f\u00fcr experimentelle Medizin, wurde 1981 von Gerd und Magdalena H\u00e4nska erbaut. Nachdem schon w\u00e4hrend der Bauarbeiten der umgehende Abriss diskutiert wurde, sollte zuletzt im Herbst 2020 sein Schicksal besiegelt werden. Jedoch bescherte ihm das neu erwachte Interesse an den Bauten des Brutalismus ein Rettungskommando aus Architekt_innen und Fans, deren Engagement zum Stopp der Abrisspl\u00e4ne durch das Charit\u00e9 f\u00fchrt.<a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Noch ist aber unklar, was mit ihm geschehen soll. Somit mehren sich aktuell dringliche Pl\u00e4doyers, Vorschl\u00e4ge und Beitr\u00e4ge aus verschiedenen Disziplinen, die Nutzungen, aber auch die \u00e4sthetischen Qualit\u00e4ten und die historische Bedeutung des Geb\u00e4udes er\u00f6rtern. Gleichzeitig existieren noch immer kritische Stimmen und wirtschaftliche Faktoren, die gegen den Erhalt sprechen. Die Belebtheit der Debatte reicht alleine fast aus, um die gesellschaftliche Relevanz des Baus zu belegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn Polarisierung alleine kein Qualit\u00e4tsmerkmal ist, lohnt es sich, f\u00fcr die Diskussion der Denkmalw\u00fcrdigkeit die Rezeption des M\u00e4usebunkers miteinzubeziehen und sich zu fragen: Welchen gesellschaftlichen Wert haben die Assoziationen und Bilder, die heute mit ihm und anderen brutalistischen Bauten in Verbindung gebracht werden, wenn wir von ihrer \u201e\u00c4sthetik\u201c sprechen? Gudrun Escher erkl\u00e4rt im Essay \u201eRezeption und Vermittlung\u201c beispielsweise, wie der Begriff im Kontext des Brutalismus umgedeutet werden muss:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas besagt \u201a\u00c4sthetik\u2018 in diesem Zusammenhang? Damals zum Ende der nur noch als Stillstand empfundenen Nachkriegs\u00e4ra stand bei einer zukunftshungrigen Jugend die \u201aUmwertung aller Werte\u2018 auf der Agenda. Da war f\u00fcr \u00fcberalterte Begriffe wie Stil kein Platz und genauso wenig f\u00fcr \u00c4sthetik im landl\u00e4ufigen Sinne von \u201aSch\u00f6nheit\u2018, nein, \u00c4sthetik sollte, wenn \u00fcberhaupt, im Wortsinn als \u201eWahrnehmung\u201c verstanden werden. Wahr-Nehmung aber erfordert Hingabe, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit.\u201c<a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4sthetik der Innovation oder \u00c4sthetik des Untergangs?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einzigartigkeit des M\u00e4usebunkers wird auch innerhalb des eigenen brutalistischen Kanons immer wieder betont. Im Allgemeinen steht Brutalismus lediglich f\u00fcr sichtbare Betonfassaden und Konstruktionen und somit eine Architektur, die m\u00f6glichst authentisch zu sein versucht. Die Expressivit\u00e4t wird den Baumaterialien \u00fcberlassen. W\u00e4hrend der Ursprung in den 50er Jahren bei Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe liegt, die beide aufgrund ihrer N\u00e4he zum Nationalsozialismus in der Kritik stehen, wird er heute vor allem mit sozialistischen Plattenbauten in Verbindung gebracht. Dabei ist er mit einem Wohnbau, der mehr Wert auf Schnitt des Wohnraums als auf die Fassade legt oder neuartige kollektivistische Wohnkonzepte pr\u00e4sentiert, genauso vereinbar wie mit skulpturalen Betonunget\u00fcmen oder Villen, die aufw\u00e4ndige Instandhaltung erfordern. Alle haben sie jedoch gemein, dass sie polarisieren: Denn die konstruktive Ehrlichkeit legt Dinge offen, die manch einer nicht unbedingt sehen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fall des M\u00e4usebunkers, der eher vom Wetteifer des kalten Krieges zeugt, gesellt sich aufgrund seiner spezifischen Nutzung zu den typischen soziopolitischen, \u00e4sthetischen Fragen des Brutalismus auch die nach einer Architektur der Wissenschaft und Technik. Zum Entstehungszeitpunkt dieser Architektur bestanden bestimmte Vorstellungen von den M\u00f6glichkeiten experimenteller Medizin, die sich von den heutigen unterscheiden. Wir stehen einem Geb\u00e4ude gegen\u00fcber, dessen einziger Zweck das Experimentieren an lebendigen Tieren und ihre von der Au\u00dfenwelt isolierte Aufzucht war. In seiner Gestalt unternimmt es keinerlei Versuche, diesen Umstand zu verschleiern. Eine Reportage der Zeitschrift GEO beschreibt, wie Nutzung und Atmosph\u00e4re ineinander greifen: \u201eHier k\u00f6nnen Katzen in die atmosph\u00e4rischen Verh\u00e4ltnisse einer H\u00f6he von 8000 Metern versetzt und Hunde keimfrei entbunden werden, hier leben Affen kamera\u00fcberwacht und Ratten im Isolator. Der Arbeits-Alltag in den ZTL [Zentralen Tierlaboratorien] ist von kalter Vernunft und k\u00fchler Architektur beherrscht. Voller T\u00fcren, Schleusen und emotionsloser Vokabeln.\u201c<a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Paradoxerweise ist genau dies ein Argument f\u00fcr den Erhalt des M\u00e4usebunkers: Das Geb\u00e4ude zwingt uns unmittelbar, dar\u00fcber nachzudenken, welche Stellung der Mensch in der Welt einnimmt. Als das Bauprojekt 1971 begann, keimte zeitgleich zur architektonischen Aufbruchstimmung der Nachkriegsmoderne in Deutschland gerade erst ein Bewusstsein f\u00fcr die \u00f6kologische Verantwortung der Wissenschaft und Forschung auf. Themen wie Atomm\u00fcll, Tier- und Umweltschutz \u2013 Problematiken, die durch technischen Fortschritt \u00fcberhaupt erst entstanden oder sich intensivierten \u2013 wurden nur langsam zum Diskussionsgegenstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute kann man kaum von einer Verbesserung der Lage sprechen. Zwar ist mit den M\u00f6glichkeiten auch das Feld der Wissenschaftsethik erweitert worden, jedoch hat diese uns nicht davor bewahren k\u00f6nnen, uns am Rande einer globalen Katastrophe wiederzufinden. Nun stehen wir vor einer anderen Frage: Kann technischer Fortschritt die Probleme l\u00f6sen, die er in diesem Kontext \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht hat? In jedem Fall besteht nun ein gesellschaftliches Klima, in dem die \u00dcbermachtstellung des Menschen in der Natur zum Zwecke wirtschaftlichen Wachstums, die der M\u00e4usebunker in seinem Zweck und seiner Gestalt verk\u00f6rpert, auf radikale Weise infrage gestellt werden und in der ein bunkerf\u00f6rmiges Tierlaboratorium eine neue Art von Schatten wirft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rolle von Brutalismus in Film und Medien<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der Bilder, die der M\u00e4usebunker evoziert, stammen aus der Unterhaltungsindustrie, welche sich der apokalyptischen Grundstimmung des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts kaum entziehen konnte. Eine gro\u00dfe Rolle spielten hierbei auch Pionierwerke japanischer Animation aus den 90er Jahren wie <em>Akira<\/em> (1988, Otomo) und <em>Ghost in The Shell<\/em> (1995, Oshii), in denen die Implikationen technischen Fortschritts er\u00f6rtert werden. In den Kulissen findet man oft Geb\u00e4ude, die den Betonunget\u00fcmen aus den 70er Jahren nicht un\u00e4hnlich sehen und zwischen denen sich der M\u00e4usebunker ohne Probleme eingliedern lie\u00dfe. Das Thema der Kulisse wird von Stefan Riekeles in einer Sammlung zu diesem Thema erarbeitet, in welcher er Mamoru Oshii zitiert: \u201eIm Laufe der Jahre habe ich erkannt, dass es die stille Welt hinter den Figuren ist, in der der Regisseur seine Kernvision vermitteln muss. [&#8230;] Die Hintergr\u00fcnde sind die Realit\u00e4tsvision des Regisseurs.\u201c<a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt, die im Hintergrund gezeigt wird, kommuniziert also die Kernvision der Regisseur_innen. Welche Welt wird mithilfe von Sichtbeton und der kantigen Formen des Brutalismus konstruiert? Ist diese Welt, so wie auch der Stil oft als kalt, unwirtlich, h\u00e4sslich und schlecht alternd beschrieben wird, die dystopische Vorahnung eines technischen Fortschrittsoptimismus, der seine dunkle Seite offenbart?<\/p>\n\n\n\n<p>Earl Jackson Jr., erkl\u00e4rt im Vortrag <em>Cogito Ergo Proxy: Radical Doubt in Japanese Anime<\/em> wie solche Werke die Bildsprache ausnutzen, um das Publikum einer \u00e4hnlichen Ungewissheit zu unterwerfen, wie sie die technischen Neuerungen in der fiktiven Welt ausl\u00f6sen.<a href=\"#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a> Auch die Umgebung tr\u00e4gt offensichtlich dazu bei. Somit kann man die gebaute Umwelt als eine Art Resonanzfl\u00e4che der abgebildeten Gesellschaft sehen \u2013 einer Gesellschaft, die durch technische Entwicklungen in Konflikte ger\u00e4t, deren Konsequenzen nicht \u00fcberschaubar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir den M\u00e4usebunker heute betrachten und versuchen, die vielf\u00e4ltigen Reaktionen auf das Geb\u00e4ude einzuordnen, sind viele davon durch das Science-Fiction-Genre gepr\u00e4gt. Des \u00d6fteren wird es mit einem Sternzerst\u00f6rer-Raumschiff aus <em>Star Wars<\/em> verglichen<a href=\"#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a> und auch milit\u00e4rische Assoziationen bleiben nicht aus. Auch das Spiel Cyberpunk 2077 enth\u00e4lt dem M\u00e4usebunker nicht un\u00e4hnliche Bauten \u2013 der Brutalismus ist hier kein Sinnbild f\u00fcr den Sozialismus, sondern scheint sich auch als universelle \u00c4sthetik negativer Zukunftsvisionen etabliert zu haben, die von Entfremdung und Plattformkapitalismus beherrscht sind. Diese Assoziationen sind hier nicht nur formal-\u00e4sthetischer Natur, denn der Bau bietet aufgrund seines makabren Hintergrunds die M\u00f6glichkeit, eine dystopische Architekturkulisse in der Realit\u00e4t zu erleben. So wie die Fiktion oftmals versucht, in den unmenschlichen Welten das Menschliche zu finden, kann man es hier in einem realen Geb\u00e4ude suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rezeption im Wandel<\/p>\n\n\n\n<p>Das Eindringen von brutalistischen Stilelementen in das allgemeine \u00c4sthetikbewusstsein k\u00f6nnte eine der Ursachen f\u00fcr deren neu aufkeimende Beliebtheit sein, wie auf der Webseite \u201eRettet den M\u00e4usebunker!\u201c beschrieben wird: \u201eDie Auseinandersetzung mit Brutalismus besch\u00e4ftigt nicht mehr nur Denkmalpfleger und Architekturhistoriker, sondern ist auch Thema von Kunst, Design, Popkultur und Social Media. Neben einschl\u00e4gigen Tumblr- und Instagram-Accounts ist vor allem die Facebook-Gruppe der \u201aBrutalism Appreciation Society\u2018 zum wahren Internetph\u00e4nomen geworden.\u201c<a href=\"#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch wird der Hype um die Architektur auch infrage gestellt: Die brutalistischen Geb\u00e4ude \u201e[&#8230;] waren tats\u00e4chlich nie gebaute Zukunft, sondern lediglich Zukunftsvisionen von Architekten: gesch\u00e4tzt, respektiert und gelobt vor allem von Vertretern der Zunft. Als gebaute Realit\u00e4t unter dem Vorzeichen des Brutalismus wurden und werden sie \u2013 bis auf einige herausragende Bauwerke \u2013 von einer Mehrheit der B\u00fcrger abgelehnt.\u201c, schreibt Uwe Kamman und stimmt damit Architekturkritiker Wolfgang Pehnt zu, der den Brutalismus als eine \u201eArchitektur f\u00fcr Architekten\u201c bezeichnete.<a href=\"#sdfootnote8sym\" id=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend diese Kritik durchaus ihre Berechtigung hat und es insbesondere zu hinterfragen gilt, was genau hinter den vielzitierten Begriffen Ehrlichkeit und Authentizit\u00e4t steht, so legen die Tatsachen nahe, dass das Interesse am Brutalismus sich mittlerweile weit \u00fcber elit\u00e4re Diskurse in Fachkreisen ausgedehnt hat. Dies hat neben sich wandelnder \u00e4sthetischen Vorstellungen noch andere, der Architektur inh\u00e4rente Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen erm\u00f6glicht der Brutalismus in seiner Reduktivit\u00e4t eine Identifizierung, f\u00fcr die kein besonderes Wissen um Architekturgeschichte oder Formalismen n\u00f6tig ist. Die Expressivit\u00e4t des Baus mag vielleicht nicht immer positiv, so doch immer irgendwie verstanden werden, was das breite Spektrum an Reaktionen beweist. Gerade die Suche nach neuen, aufs Wesentliche reduzierten Ausdrucksformen mit dem frei formbaren Beton hat Bauten erm\u00f6glicht, die auf direktere Weise kommunizieren als viele andere Auspr\u00e4gungen der Moderne (und erst recht der postmodernen Architektur). Somit wird hier der Diskurs auf seltene Weise demokratisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen spricht die These, diese Architektur k\u00f6nne wegen ihrer dem konservativen Bild von Sch\u00f6nheit und Funktionalit\u00e4t nicht entsprechenden \u00c4sthetik nur von Fachkreisen gesch\u00e4tzt werden, dem Laienpublikum ab, meta-\u00e4sthetische Aspekte von Geb\u00e4uden wahrzunehmen. Der \u00f6ffentliche Diskurs beweist klar das Gegenteil: Viele Menschen f\u00fchlen eine besondere Bindung zu den Betonunget\u00fcmen, die vielleicht auch f\u00fcr sonst selten zu findende Hoffnungen stehen, w\u00e4hrend andere nicht m\u00fcde werden, sie zu beschimpfen. Jedenfalls kommt die polarisierende Wirkung nicht daher, dass die Geb\u00e4ude nicht verstanden werden oder in ihrer Funktionalit\u00e4t durchweg \u201aschlecht\u2018 sind &#8211; eher noch, dass sie stellvertretend f\u00fcr Weltbilder, \u00c4ngste und Sehns\u00fcchte stehen, die auf ihnen als Projektionsk\u00f6rper umk\u00e4mpft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Brutalistische Architektur im Allgemeinen und solche, die als \u201ad\u00fcster\u2018 oder \u201aunheimlich\u2018 wahrgenommen wird im Besonderen, spricht vielleicht dasselbe Bed\u00fcrfnis an wie jenes, das f\u00fcr die Popularit\u00e4t des Dystopie-Genres verantwortlich ist \u2013 eine Faszination mit dem Spektakel des eigenen Untergangs. Vielleicht ist es aber auch in Zeiten des Informations\u00fcberflusses und visueller \u00dcberreizung einfach wohltuend, eine gro\u00dffl\u00e4chige Betonfassade zu sehen. Moderne Ph\u00e4nomene der Entfremdung, Desillusionierung und ein neues Misstrauen in die Zukunft st\u00fctzen diese Faszination. Der Brutalismus erscheint uns so ungewohnt ehrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den erhaltenen Bauwerken der Betonmoderne finden wir uns in einer Baulandschaft wieder, die uns sowohl als Tr\u00e4ger hoffnungsvoller Utopien bekannt ist, als auch Assoziationen vom Scheitern dieser weckt: An dieser Stelle ist auch die Frage nach Sch\u00f6nheit und \u00c4sthetik zu komplex, um eine reine Formsache zu bleiben. Es sind nicht nur positiv belegte Welten, die in Schalung gegossen werden, und doch sind sie mehr als eine blo\u00dfe Kulisse. J\u00fcrgen Tietz beschreibt in einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Ma\u00dfstab des Brutalismus, wie die im Kontext brutalistischer Bauten erarbeiteten Debatten \u00fcber Wohn- und Lebensformen sich mehr denn je in st\u00e4dtebaulicher Planung und in Genossenschaften und Baugruppen wiederfinden.<a href=\"#sdfootnote9sym\" id=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a> Auch, wenn sich Vorstellungen diesbez\u00fcglich gewandelt haben, muss immer wieder auf das brutalistische Erbe zur\u00fcckgegriffen werden, um etwa seine Effektivit\u00e4t im Kontext kollektivistischer Wohnformen zu untersuchen und daraus zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt scheint es gerade die viel diskutierte H\u00e4sslichkeit der grauen Kolosse zu sein, die sie nahbar erscheinen l\u00e4sst. Dies ist keine Architektur, die von einem hohen, steinernen Podest auf uns herabblickt oder durch k\u00fchne gl\u00e4serne Konstruktionen Schwindel erregt. Sie steht einfach da, in ihren ganzen Ausma\u00dfen, ihrer Schwere und Nachdenklichkeit \u2013 manchmal etwas fremd und ungeschickt, doch wer f\u00fchlt sich nicht zuweilen selbst so?<\/p>\n\n\n\n<p>Was hei\u00dft das f\u00fcr den M\u00e4usebunker?<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Denkmalw\u00fcrdigkeit der \u201aForschungseinrichtung f\u00fcr experimentelle Medizin\u2018 beurteilen zu k\u00f6nnen, muss er\u00f6rtert werden, inwiefern das Geb\u00e4ude sowohl typisch f\u00fcr seine Zeit als auch in seiner Weise einzigartig ist. Sofern es darum geht, ein m\u00f6glichst breites Spektrum an Spielarten der Nachkriegsmoderne zu bewahren, m\u00fcssen die daf\u00fcr gew\u00e4hlten Bauten eine stellvertretende Funktion erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einzigartigkeit der Nutzung des M\u00e4usebunkers und die Konsequenz seiner Gestalt bedingt hier, dass der f\u00fcr den Brutalismus typische Zwiespalt der Rezeption in extremer Form hervortritt. Uwe Kamman, beschreibt ferner \u201edas oft Gef\u00e4ngnishafte, blockhaft Geschlossene, Festungsartige der Geb\u00e4ude.\u201c<a href=\"#sdfootnote10sym\" id=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a> &#8211; unabh\u00e4ngig von der Wertung dieser Eigeschaften kann der M\u00e4usebunker hier als Symbolbild angef\u00fchrt werden, bildete er doch seinerzeit tats\u00e4chlich ein lebenslanges Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Versuchstiere. Mit seiner nun obsoleten Funktion, die ihm wohl immer als Assoziation anhaften wird, trifft der M\u00e4usebunker mitten ins Herz der Brutalismusdebatte. Er l\u00f6st einerseits eine zur Emp\u00f6rung gesteigerte Ablehnung seiner Gestalt, Funktion, Raumkonfiguration und Entstehungsbedingungen aus und bietet zum anderen eine architektonische Ausdrucksform, die heute nicht mehr m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie w\u00e4re sich nun dem Geb\u00e4ude anzun\u00e4hern, was sollte der Umgang damit f\u00fcr die Zukunft transportieren? Die Skepsis an seinen Entstehungsbedingungen hat in jedem Fall einen berechtigten Platz im Diskurs, da sich die gesellschaftliche Grundhaltung im Hinblick auf Umweltverantwortung stark gewandelt hat und der Zeitgeist eine sensiblere Herangehensweise fordert. Zugleich kann der Bau sowohl als Mahnmal als auch als formal-\u00e4sthetischer Ausl\u00f6ser f\u00fcr Vorstellungswelten dienen, die selbst dem Thema des technischen Fortschritts entsprungen und von greifbarem Wert sind. Man k\u00f6nnte fast sagen: Wenn ein intelligenter Umgang mit dem M\u00e4usebunker gelingt, so w\u00e4re das ein Einblick in den m\u00f6glichen Umgang mit einer Welt, die sich immer mehr den Realit\u00e4tsvisionen unserer Dystopien ann\u00e4hert \u2013 denn ihr k\u00f6nnten wir ohnehin nicht mit der Abrissbirne begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>________________________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Gunnar Klack: <em>Artikel f\u00fcr die Stiftung Denkmalschutz Berlin<\/em>, 30.07.2019. Online unter: <a href=\"http:\/\/xn--musebunker-q5a.de\/artikel-fur-die-stiftung-denkmalschutz-berlin\/\">http:\/\/xn--musebunker-q5a.de\/artikel-fur-die-stiftung-denkmalschutz-berlin\/<\/a> [Letzter Zugriff: 26.04.2023]<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Gudrun Escher: \u201eRezeption und Vermittlung\u201c, in: Christa Reicher; J\u00fcrgen Tietz; Yasemin Utku: <em>StadtBauKultur NRW: Big Beautiful Buildings. Die Nachkriegsmoderne im europ\u00e4ischen Diskurs,<\/em> Dortmund: Verlag Kettler, 2019, S. 59.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Peter-Matthias Gaede: <em>Ein Platz f\u00fcr viele Tiere,<\/em> in: GEO. Nr. 11. Gruner + Jahr, Hamburg 1984, S. 148\u2013170.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote4sym\" href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> Stefan Riekeles: <em>Anime Architecture. Imagined worlds and endless megacities,<\/em> New York: Thames &amp; Hudson, 2020, S. 120.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote5sym\" href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> Vgl. University of Michigan Center for Japanese Studies: <em>Radical Doubt in Japanese Anime,<\/em> YouTube, 4:13. Online unter: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HLaVk4PRN6g\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HLaVk4PRN6g<\/a> [Letzter Zugriff: 26.04.2023]<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote6sym\" href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> Vgl. Klack 2019. [S.o.]<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote7sym\" href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a> Vgl. Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote8sym\" href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Uwe Kammann: \u201eGraue Theorie, Traurige Realit\u00e4t\u201c, in: Christa Reicher; J\u00fcrgen Tietz; Yasemin Utku: <em>StadtBauKultur NRW: Big Beautiful Buildings. Die Nachkriegsmoderne im europ\u00e4ischen Diskurs,<\/em> Dortmund: Verlag Kettler, 2019, S. 81.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote9sym\" href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a> Vgl. J\u00fcrgen Tietz: \u201eBig.Beautiful.Building(-s)\u201c, in: Christa Reicher; J\u00fcrgen Tietz; Yasemin Utku: <em>StadtBauKultur NRW: Big Beautiful Buildings. Die Nachkriegsmoderne im europ\u00e4ischen Diskurs,<\/em> Dortmund: Verlag Kettler, 2019, S. 63.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote10sym\" href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a> Kammann 2019, S. 81.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Julia Savchenko | Die ambivalente Rolle des imposanten brutalistischen Bauwerks am Berliner Teltowkanal wirft nicht nur im Diskurs um seine Erhaltung Fragen auf, sondern verweist auf gesellschaftspolitische Debatten rund um Architektur und ihre soziale Bedeutung.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1138","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1138"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1142,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1138\/revisions\/1142"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}