{"id":1122,"date":"2023-05-19T15:52:45","date_gmt":"2023-05-19T13:52:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1122"},"modified":"2023-05-19T15:52:46","modified_gmt":"2023-05-19T13:52:46","slug":"captured-in-identity-politics-huch95","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2023\/05\/captured-in-identity-politics-huch95\/","title":{"rendered":"Captured in Identity Politics &#8211; HUch#95"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Kofi Shakur |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Ruf der Identit\u00e4tspolitik hat in den letzten Jahren stark gelitten. Woher das Konzept eigentlich kommt, auf welche falschen Pfade es gelangt ist und welche Kernelemente aufgehoben geh\u00f6ren, zeigt diese engmaschige Rezension auf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI-919x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1125\" width=\"459\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI-919x1024.jpg 919w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI-269x300.jpg 269w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI-768x855.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI-22x24.jpg 22w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI-32x36.jpg 32w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI-43x48.jpg 43w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/huch-95-Bilder-Ranja21_KOFI.jpg 1319w\" sizes=\"auto, (max-width: 459px) 100vw, 459px\" \/><figcaption><em>Bild: Ranja Assalhi<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Claudia Jones (1949) und die Mitglieder des Combahee River Collective (1977) besch\u00e4ftigten sich mit den Unterdr\u00fcckungsformen, die ihre Erfahrungen sowohl von denen Schwarzer M\u00e4nner als auch <em>wei\u00dfer<\/em> Frauen, oder sie als lesbische von heterosexuellen Schwarzen Frauen unterschieden. Sie suchten nach einem Ausweg aus organisatorischen Sackgassen. Dabei hatten sie jedoch nicht die Bedeutung vor Augen, die Identit\u00e4tspolitik heute von vielen ihrer Gegner_innen, wie auch von ihren Vertreter_innen zugeschrieben wird.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph Ol\u00faf\u1eb9\u0301mi O. T\u00e1\u00edw\u00f2 untersucht in <em>Elite Capture<\/em> vor dem Hintergrund aktueller politischer Dynamiken, welche Mechanismen zu diesem ver\u00e4nderten Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4tspolitik f\u00fchrten.<a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> Er legt dar, weshalb Identit\u00e4tspolitik und die Absicht, die am meisten marginalisierten Teile der Gesellschaft zu zentrieren, trotz besten Willens oft nicht nur scheitern, sondern sich entgegen der Intention als kontraproduktiv erweisen und dominante Machtstrukturen st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die weltweiten Proteste gegen Polizeigewalt, die 2020 Millionen von Menschen mobilisierten, skizziert T\u00e1\u00edw\u00f2 die institutionellen Reaktionen: Zum einen habe symbolische Identit\u00e4tspolitik zur Bes\u00e4nftigung der Massen gedient, ohne materielle Reformen durchf\u00fchren zu m\u00fcssen. Andererseits haben die staatlichen Institutionen selbst ein identit\u00e4tspolitisches <em>r<\/em><em>ebranding <\/em>bekommen. Wo der Versuch der Kooptation fehlschlage, werde Repression auf altmodische Art angewandt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Identit\u00e4tspolitik also in manchen Formen instrumentalisiert werden k\u00f6nne, w\u00fcrden andere bis aufs \u00c4u\u00dferste bek\u00e4mpft (wie Critical Race Theory oder Gender Studies als vermeintliche Manifestation einer die Gesellschaft spaltenden politischen Agenda im Interesse einer kleinen Elite).<sup> <\/sup>Kritiker_innen und Gegner_innen, so schreibt T\u00e1\u00edw\u00f2, bez\u00f6gen sich dabei oft auf Ideen, die keine essenziellen Bestandteile von Identit\u00e4tspolitik seien, oder legten ein falsches Konzept zugrunde, um es leichter delegitimieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wurzeln von Identit\u00e4tspolitik<\/p>\n\n\n\n<p>Ginge es nach den Gr\u00fcnderinnen und Mitgliedern des Combahee River Collective, so w\u00e4re das erste verbindende Moment f\u00fcr sie die konstante Verdr\u00e4ngung und politische Abwertung, die sie als Schwarze lesbische Frauen in verschiedenen Organisationen erlitten. Darauf begr\u00fcnde sich ein Ansatz, den sie als Identit\u00e4tspolitik bezeichneten. Dabei ginge es darum, ein politisches Programm auszuarbeiten, das auf der Gesamtheit ihrer Erfahrungen und Interessen basiere und der Komplexit\u00e4t dieser gerecht werde, anstatt sie <em>wei\u00dfen<\/em> Frauen als <em>t<\/em><em>oken<\/em><sup><em><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/em><\/sup> und Schwarzen M\u00e4nnern als \u201aSekret\u00e4rinnen\u2018 zur Seite zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sich diese Art von Erfahrung durch viele verschiedene Organisationen gezogen habe, sei das Kollektiv in Austausch mit asiatischen oder lateinamerikanischen Frauengruppen gewesen. Identit\u00e4tspolitik habe als verbindendes Element wirken und Personen ansprechen k\u00f6nnen, denen in ihren bisherigen Organisationen kaum Handlungsspielraum zugestanden wurde. Wie Keeanga Yamahtta-Taylor kommentiert, ging es jedoch nicht darum, sich kampflos aus besagten Organisationen und Bewegungen zur\u00fcckzuziehen. Vielmehr sollte Schwarzen Frauen ein Zugang geboten werden, um sich \u00fcberhaupt politisch engagieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem, folgert T\u00e1\u00edw\u00f2, liege also nicht an Identit\u00e4tspolitik an sich, sondern an der Art und Weise, wie diese konkret umgesetzt werde. Nicht Identit\u00e4tspolitik, sondern <em>Elite Capture<\/em><a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> stehe zwischen uns und einer transformativen Politik. Schlie\u00dflich seien nicht nur Identit\u00e4tspolitik, \u201aWokeness\u2019 oder \u201aCancel Culture\u2018 zu <em>wei\u00df<\/em> und w\u00fcrden von Eliten dominiert. S\u00e4mtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens liefen letztlich Gefahr, buchst\u00e4blich von <em>Elite Capture<\/em> (die in durch Kolonialismus gepr\u00e4gten Gesellschaften immer mit <em>whiteness<\/em> einhergeht) ergriffen zu werden. Wie T\u00e1\u00edw\u00f2 schreibt, sei dieser Prozess symptomatisch f\u00fcr Gesellschaften, in denen nicht nur der materielle Reichtum, sondern auch die Produktion und der Zugang zu Wissen ungleich verteilt seien. Elite wird vor diesem Hintergrund nicht statisch im Sinne einer Klassenzugeh\u00f6rigkeit, sondern als Verh\u00e4ltnis zwischen einer kleineren und einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe von Menschen in einem spezifischen Kontext verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl in den politischen K\u00e4mpfen in den USA von Abolitionismus bis Civil Rights Movement, als auch in den antikolonialen Bewegungen des globalen S\u00fcdens lassen sich Beispiele daf\u00fcr finden. So zeichnet T\u00e1\u00edw\u00f2 den dieser Dynamik zugrunde liegenden Mechanismus in den Arbeiten von Franklin Frazier und Frantz Fanon nach, die sich jeweils mit der Politik der Schwarzen \u201aMittelklasse\u2018 und der nationalen Bourgeoisie auseinandergesetzt und daraus fast identische Schl\u00fcsse gezogen haben. Zentral dabei sei, dass die Elite den Kampf der Massen in f\u00fcr sie vorteilhafte Bahnen lenke.<a href=\"#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Bereiche der Wissensproduktion, die sich als gegenhegemoniale und antiimperialistische Projekte entwickeln, wie die durch studentische und antirassistische K\u00e4mpfe institutionalisierten Black Studies, Queer und Gender Studies, mitsamt den dazugeh\u00f6rigen politischen Bewegungen, w\u00fcrden regelm\u00e4\u00dfig erfolgreich durch die Elite in Beschlag genommen. Und schon lange vor Etablierung dieser modernen F\u00e4cher kommentierte Carter G. Woodson, einer der zentralen Forschenden afroamerikanischer Geschichte, dass das Bildungssystem aufgrund einer Struktur, die entlang b\u00fcrgerlicher Interessen errichtet worden sei, nicht viel zur Emanzipation Schwarzer Menschen beitragen k\u00f6nne. Das Problem gehe jedoch \u00fcber das Bildungssystem hinaus: \u201eKomplette Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wurden von denen ganz oben in Beschlag genommen. Diese Vereinnahmung ist in die Einsatzregeln eingebaut, die aus dem Kolonialbesitz resultieren.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup> \u00dcberall, wo Ressourcen ungleich verteilt seien, schreibt er, lie\u00dfe sich das Muster von <em>Elite Capture<\/em> finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Marginalisierte Stimmen zentrieren \u2013 aber welche?<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e1\u00edw\u00f2s Absicht ist es nicht, zu erkl\u00e4ren, dass wir gegen\u00fcber Geschichte und Gesellschaft machtlos sind, nur weil die Bedingungen, unter denen wir Handeln, vor uns bestimmt wurden. Von diesem Punkt ausgehend beschreibt er verschiedene Wege des politischen Widerstands auf individueller und kollektiver Ebene. Einer dieser Wege sind die sogenannten <em>Deference Politics<\/em>. Diese lassen sich beschreiben als der Ansatz, den am meisten marginalisierten Stimmen Raum zu geben und den ihnen zugeschriebenen, oder tats\u00e4chlich von ihnen ge\u00e4u\u00dferten politischen Forderungen und W\u00fcnschen politisch nachzukommen. Aber selbst wenn wir die ungleiche Verteilung von Macht in einem Raum korrekt analysieren, so T\u00e1\u00edw\u00f2, sei es schwerer als wir denken, so zu handeln, dass trotz grunds\u00e4tzlich richtiger Intentionen nicht erneut <em>Elite Capture<\/em> entsteht. Denn wer von uns bereits in einem Raum ist, in dem entscheidende Dinge geregelt werden, sei bereits gegen\u00fcber dem Gro\u00dfteil der sozialen Gruppe privilegiert. Wer bisher nicht im Raum war, bleibe weiterhin au\u00dfen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wichtige Grundlage dieses Ansatzes ist die aus der feministischen Erkenntnistheorie stammende Standpunktepistemologie<a href=\"#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a>, die seit den 1970er Jahren verbreitet ist. Die drei zentralen \u00dcberlegungen dabei sind, dass Wissen sozial situiert ist, marginalisierte Menschen zu einigen Formen des Wissens besseren Zugang haben und die Wissenschaft, aber auch andere Bereiche des Lebens, diese Tatsache widerspiegeln sollten. Obwohl <em>Elite Capture<\/em> dadurch bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung eher begrenzt werden sollte, f\u00fchre die praktische Umsetzung oft zum Gegenteil, weil sich genau die R\u00e4ume im Fokus der Aufmerksamkeit bef\u00e4nden, die schon durch Privilegien gegen\u00fcber allen Au\u00dfenstehenden gekennzeichnet seien.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Deferen<\/em><em>ce<\/em> [\u2026] kann gegen die Interessen von marginalisierten Gruppen arbeiten. Wir sind umgeben von einem Diskurs, der die ungerechte Verteilung von Aufmerksamkeit bei der Auswahl von Sprecher_innen und Buchlisten, die angeblich die Marginalisierten repr\u00e4sentieren, verortet, statt die Handlungen von Unternehmen und Algorithmen zu fokussieren, die sehr viel mehr Macht bei der Verteilung von Aufmerksamkeit haben.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\" id=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup> So erkl\u00e4rt T\u00e1\u00edw\u00f2 etwa, dass das Bestreben, einer spezifischen Person of Color die Aufmerksamkeit zu geben, sowohl den Blick auf die Machtverh\u00e4ltnisse innerhalb des Raumes, wie zwischen dem Raum und der Mehrzahl an Personen of Color, die die Person vermeintlich repr\u00e4sentiere, verstellen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem dabei seien nicht die dabei herrschenden \u00dcberzeugungen, sondern die strukturelle Beschaffenheit der Gesellschaft, die bestimmt, wer Zugang zu welchen R\u00e4umen hat. Mit Blick auf diese gesellschaftliche Selektion zeige sich, so T\u00e1\u00edw\u00f2, wie eine in Form von <em>D<\/em><em>eference <\/em><em>P<\/em><em>olitics<\/em> umgesetzte Standpunktepistemologie zu <em>Elite Capture<\/em> beitrage, indem die einmal begonnene Auswahl immer weiter perpetuiert werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch k\u00f6nne es manchmal als die bestm\u00f6gliche L\u00f6sung erscheinen, sich in einem elit\u00e4ren Raum an der Person mit den wenigsten Privilegien zu orientieren. Dies setze jedoch voraus, dass wir den Raum, seinen Zweck und seine Zusammensetzung unter allen Umst\u00e4nden als gegeben erachten. Unter diesen Bedingungen schlicht besser handeln zu wollen, sei allerdings ein zu niedriges Ziel. Denn genau die Mechanismen, die \u00fcber die Zusammensetzung des Raumes entscheiden, seien das, was ge\u00e4ndert werden m\u00fcsse. Auch Konflikte \u00fcber das Zentrieren der richtigen Themen oder Gruppen f\u00fchrten h\u00e4ufig schlicht dazu, sich selbst nicht mehr positionieren zu m\u00fcssen. Denn dadurch ergebe sich eine soziale Legitimation f\u00fcr das Abgeben von Verantwortung, die nun nicht mehr kollektiv, sondern individuell oder von bestimmten Gruppen oder Individuen \u2013 und oft einer idealisierten und gr\u00f6\u00dftenteils fiktionalen Karikatur dieser \u2013 getragen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Konstruktive Politik<\/p>\n\n\n\n<p>Dieselben Mechanismen, die uns so von Kritik und Meinungsverschiedenheiten isolierten, w\u00fcrden uns schlie\u00dflich auch davon abhalten, von Empathie geleitet an politischen K\u00e4mpfen teilzuhaben, was eine Voraussetzung von Politik sei. Dies mache <em>Deference Politics<\/em> gemeinsam mit der dadurch entstehenden Fragmentierung politischer K\u00e4mpfe antipolitisch. Mehr noch: sie untergrabe schlie\u00dflich auch ihre eigenen Absichten. Denn ihr gehe es zwar um die richtige Sache \u2013 Unterschiede gelebter Erfahrungen zu beachten \u2013, allerdings sei die Umsetzung falsch. So w\u00fcrde die zur Ver\u00e4nderung der ganzen Gesellschaft notwendige Energie nur auf bestimmte Bereiche konzentriert. Statt marginalisierte Perspektiven zu fokussieren, werde den herrschenden Strukturen zu viel Raum gegeben, unsere Interaktionen und unsere Perspektive zu bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausweg, den T\u00e1\u00edw\u00f2 vorschl\u00e4gt, definiert er als <em>Constructive Politics<\/em>: sich direkt mit der Umverteilung von sozialen Ressourcen und Macht, statt mit symbolischen Zwischenschritten zu besch\u00e4ftigen. Dies verlange, Verantwortung gegen\u00fcber den Menschen zu \u00fcbernehmen, die nicht mit uns in den gleichen R\u00e4umen sind, um neue R\u00e4ume gemeinsam zu erschaffen, anstatt nur zu kontrollieren, wer sich darin und dazwischen bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e1\u00edw\u00f2 verbildlicht dies \u00fcberzeugend mit dem Beispiel des Befreiungskampfes, den Am\u00edlcar Cabral und seine PAIGC<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\" id=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup> in Guinea-Bissau und den Kapverden gegen das faschistische portugiesische Regime unter Ant\u00f3nio Salazar gef\u00fchrt haben. Ein besonderes Element dabei waren die Bildungskampagnen der PAIGC, die darauf abzielten, die Auswirkungen der kolonialen Erziehung zu bek\u00e4mpfen und das Streben nach Selbstbestimmung und antikolonialem Widerstand zu st\u00e4rken. Die PAIGC konnte so nicht nur 1973 den Weg in die eigene Unabh\u00e4ngigkeit ebnen, sondern gemeinsam mit den militanten Befreiungsbewegungen in den restlichen portugiesischen Kolonien auch 1974 eine f\u00fcr den Sturz des Salazar-Regimes entscheidende Rolle spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die PAIGC in ihrem Befreiungskampf und den darauffolgenden Anstrengungen zur Entwicklung eines neuen Bildungssystems anstrebte, bildet den Kern von T\u00e1\u00edw\u00f2s Politik: \u201e[\u2026] buchst\u00e4blich die Karte der Welt neu zu zeichnen und ihre Machtverh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern [&#8230;]\u201c \u2013 daf\u00fcr stehe im Vordergrund, wie unsere Handlungen in R\u00e4umen der Organisierung uns mit der Mehrheit der Menschen au\u00dferhalb dieser R\u00e4ume in Beziehung setzen.<sup><a href=\"#sdfootnote10sym\" id=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup> So m\u00fcsse unsere Politik statt auf Aufmerksamkeit, B\u00fchnen, Podien oder Symbolismus auf den Aufbau von Institutionen zur Sammlung und Vermittlung von Wissen und unser Programm auf die direkte Umverteilung von Ressourcen ausgerichtet werden<sup>.<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen einer Vorstellung von Politik, die letzten Endes zu einer Abgabe (oder Flucht vor) der Verantwortung f\u00fchrt, hat T\u00e1\u00edw\u00f2 hohe Anspr\u00fcche an uns. Rechenschaft gelte demnach den Menschen, die noch keinen Zugang zu unseren R\u00e4umen haben. Unsere Anstrengungen m\u00fcssten darauf ausgerichtet sein, die R\u00e4ume, in denen wir sein wollen, gemeinsam zu erschaffen. Dies erfordere nicht zuletzt eine neue Art von Kollektivit\u00e4t, um gemeinsam neue Arten moralischer und emotionaler Disziplin zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e1\u00edw\u00f2 liefert eine \u00fcberzeugende Kritik an identit\u00e4tspolitischer Vereinzelung und Fragmentierung politischer K\u00e4mpfe, weil er \u2013 im Gegensatz zu vielen anderen \u2013 die historische Notwendigkeit der Entstehung von Identit\u00e4tspolitik erkl\u00e4rt und anerkennt. Wenn wir zudem die Entwicklung von Identit\u00e4tspolitik und dem in seinen Grundz\u00fcgen ebenfalls auf Claudia Jones und das Combahee River Collective zur\u00fcckgehenden Konzept der Intersektionalit\u00e4t nebeneinander betrachten, verstehen wir besser, wie beide \u2013 einmal als Ansatz zur Analyse und einmal als Ansatz zur Praxis \u2013einen identischen Verlauf nehmen konnten. Zu Anfang stand eine nuancierte Beschreibung der Stellung Schwarzer Frauen im Arbeitsprozess, sowie eine Analyse der Verh\u00e4ltnisse innerhalb ihrer politischen Organisationen, mit dem Ziel, eine bessere, inklusivere Politik machen zu k\u00f6nnen. Der Fokus auf Identit\u00e4ten hat jedoch Klasse als zentrale Kategorie gesellschaftlicher Analyse verdr\u00e4ngt. Dazu kommt, dass die Konkurrenz marginalisierter Gruppen um begrenzte Aufmerksamkeit den Weg zu bedeutsamen politischen Allianzen verstellt. Auf der anderen Seite halten noch immer viele innerhalb der \u201alinken Szene\u2019 an schematischen Theorien und konservativen Werten fest, die sie dazu f\u00fchren, nicht die neoliberale Vereinnahmung, sondern gleich ganze Identit\u00e4ten zu bek\u00e4mpfen. Somit erneuern sie das Klischee einer <em>wei\u00dfen<\/em>, heterosexuellen Arbeiterklasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach neuen Allianzen ist das Beispiel der PAIGC, f\u00fcr das auch die FLN<sup><a href=\"#sdfootnote11sym\" id=\"sdfootnote11anc\"><sup>11<\/sup><\/a><\/sup> in Algerien oder der ANC<sup><a href=\"#sdfootnote12sym\" id=\"sdfootnote12anc\"><sup>12<\/sup><\/a><\/sup> (vor der Ermordung von Chris Hani) in S\u00fcdafrika oder die haitianische Revolution stehen k\u00f6nnten, durchaus \u00fcberzeugend. \u00dcberall stand dabei die Unabh\u00e4ngigkeit, verbunden mit der Landfrage im Vordergrund. In allen Reihen k\u00e4mpften nicht nur Schwarze beziehungsweise afrikanische Aktivist_innen und auch wenn diese Frage durchaus umstritten war, definierten diese Befreiungsnationalismen sich nicht alle in Bezug auf ethnische Zugeh\u00f6rigkeit oder setzten sogar neue Definitionen von Nationalit\u00e4t um.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings sind die Voraussetzungen f\u00fcr eine Politik, wie T\u00e1\u00edw\u00f2 sie vorschl\u00e4gt, unter den Bedingungen eines antikolonialen Befreiungskampfes grundlegend anders als in den Bastionen der White Supremacy. Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig war es sehr viel leichter f\u00fcr <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen, sich den zahlreichen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen anzuschlie\u00dfen, als es f\u00fcr Schwarze Lohnabh\u00e4ngige beispielsweise in den USA war, auch nur Gewerkschaftsmitglied zu werden. Auf diese Art bleiben in <em>Elite Capture<\/em> am Ende einige Leerstellen bestehen, wenn wir die Geschichte von identit\u00e4ts- und klassenpolitischen Ausschl\u00fcssen von Sojourner Truths Frage <em>\u201eAin\u2019t I a Woman?\u201c<\/em> \u00fcber Angela Davis\u2019 <em>Women, Race and Class<\/em> und Frantz Fanons Abrechnung mit der franz\u00f6sischen Linken in der algerischen Revolution bis zu den anti-Schwarzen Schulterschl\u00fcssen zwischen verschiedenen unterdr\u00fcckten Gruppen mit White Supremacy in <em>Afropessimism<\/em> verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>So zentral das Bilden von neuen Allianzen auch ist, gerade hier ist es wichtig, die Grenzen zu erkennen, die uns immer wieder aufhalten. Etwa, dass <em>wei\u00dfe<\/em> Frauen historisch oft bereit waren, Kompromisse mit dem Patriarchat einzugehen, um rechtliche oder politische Fortschritte Schwarzer Frauen und Schwarzer Menschen allgemein zu verhindern. Oder, dass Schwarze M\u00e4nner oft mehr um ihren Platz im Patriarchat als um die Emanzipation aller gek\u00e4mpft und so am Ende auch ihrer eigenen Befreiung im Weg gestanden haben. Oder, dass die <em>wei\u00dfen<\/em> Mitglieder des Weathermen Underground nach dem Ende des Vietnamkrieges in den USA einfach in ihr b\u00fcrgerliches Leben zur\u00fcckkehren konnten, Mitglieder der Black Panthers und der Black Liberation Army jedoch tot, im Exil oder teilweise bis heute im Gef\u00e4ngnis sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte hat oft gezeigt, dass auch der gemeinsame Kampf erst erk\u00e4mpft werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir dies allerdings ber\u00fccksichtigen und ver\u00e4ndern wollen, ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die ihre Verantwortung erkannt haben, sie auch wahrnehmen \u2013 um statt Politik ohne, oder nur aufgrund von schlechtem Gewissen, Politik in vollem Bewusstsein machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>______________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Urspr\u00fcnglich ging es dabei darum, statt klischeebehafteten Vorstellungen von Lohnabh\u00e4ngigen als <em>wei\u00df<\/em>, m\u00e4nnlich, hetero und able-bodied, nachzuh\u00e4ngen, in Analyse und Praxis Platz f\u00fcr komplexere Identit\u00e4ten zu schaffen und so bisher wenig beachteten Menschen einen Zugang zu politischer Organisierung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Ol\u00faf\u1eb9\u0301mi O. T\u00e1\u00edw\u00f2 (2022): <em>Elite Capture<\/em>, Pluto Press.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Token zu sein bedeutet, als marginalisierte Person durch die eigene Anwesenheit in einer hegemonialen Gruppe \u00fcber vorhandene Machtungleichheiten oder strukturelle Diskriminierung hinwegzut\u00e4uschen. Vgl. Azad\u00ea Pe\u015fmen: \u201eH\u00e4, was ist denn ein Token?\u201c, in: <em>Missy Magazine,<\/em> 06\/17, S. 15, online unter: <a href=\"https:\/\/missy-magazine.de\/blog\/2017\/12\/14\/token\">https:\/\/missy-magazine.de\/blog\/2017\/12\/14\/token<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote4sym\" href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a><em> <\/em><em>E<\/em><em>lite <\/em><em>c<\/em><em>apture<\/em> beschreibt eine gesellschaftliche Dynamik, die zur Akkumulation von Entscheidungsgewalt, Ressourcen und Aufmerksamkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen bei verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig privilegierten Mitgliedern der Gesellschaft f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote5sym\" href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a> F\u00fcr eine ausf\u00fchrliche Darstellung dieses Themas siehe Kofi Shakur: <em>Der Mythos des Schwarzen Kapitalismus<\/em>, in ak 669: Black Planet, 2021. Online unter: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ausgaben\/669\/der-mythos-des-schwarzen-kapitalismus\/\">https:\/\/www.akweb.de\/ausgaben\/669\/der-mythos-des-schwarzen-kapitalismus\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote6sym\" href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a> T\u00e1\u00edw\u00f2 2022: S. 59.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote7sym\" href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a> Epistemologie bezeichnet die Wissenschaft (klassischerweise einen Teilbereich der Philosophie), die sich mit den Bedingungen der M\u00f6glichkeit von Wissen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote8sym\" href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a> Ebd.: S. 72.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote9sym\" href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a> Partido Africano da Independ\u00eancia da Guin\u00e9 e Cabo Verde (Afrikanische Unabh\u00e4ngigkeitspartei von Guinea und den Kapverden)<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote10sym\" href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a> Vgl. ebd.: S. 104-105.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote11sym\" href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a> Front de Lib\u00e9ration Nationale (Nationale Befreiungsfront)<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote12sym\" href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a> African National Congress<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Kofi Shakur | Der Ruf der Identit\u00e4tspolitik hat in den letzten Jahren stark gelitten. Woher das Konzept eigentlich kommt, auf welche falschen Pfade es gelangt ist und welche Kernelemente aufgehoben geh\u00f6ren, zeigt diese engmaschige Rezension auf.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1122","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1122"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1126,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1122\/revisions\/1126"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}