{"id":1016,"date":"2023-01-25T16:26:32","date_gmt":"2023-01-25T15:26:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1016"},"modified":"2023-01-25T17:21:29","modified_gmt":"2023-01-25T16:21:29","slug":"story-of-my-life-huch94","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2023\/01\/story-of-my-life-huch94\/","title":{"rendered":"Story of My Life &#8211; HUch#94"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Maximilian Josef Theodor Keller |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sich zwischen den zahlreichen Erz\u00e4hlungen unserer sp\u00e4tmodernen Gesellschaft als handelndes Subjekt zu begreifen, ist gar nicht so einfach. Hin und wieder muss man sogar aufpassen, dass man selbst nicht zur Erz\u00e4hlung wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-730x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1017\" width=\"496\" height=\"696\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-730x1024.jpg 730w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-214x300.jpg 214w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-768x1077.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-1095x1536.jpg 1095w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-1460x2048.jpg 1460w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-17x24.jpg 17w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-26x36.jpg 26w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-34x48.jpg 34w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters22-scaled.jpg 1825w\" sizes=\"auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px\" \/><figcaption><em>Bild: Felix Deiters<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\u201e<em><strong>What you call love was invented by guys like me to sell nylons.\u201c<\/strong><\/em><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine Vielzahl von Fiktionen, die uns pr\u00e4gen. Und im Gegensatz zu den zahlreichen Ereignissen, die auf uns einwirken, brauchen wir nach einer guten Story nicht unbedingt zwei Jahre bei Analytiker_innen, um sie aufzuarbeiten. Es muss kein Ibsen sein, nicht mal ein <em>BoJack Horseman,<\/em> manchmal gen\u00fcgen der <em>Mandalorian<\/em> und Grogu aka <em>Baby Yoda<\/em>, damit man auch im wilden Weltraum, im Kampf gegen sogenannte Weltraumfaschos in der Lage ist, einen Sinn f\u00fcr Mitgef\u00fchl, R\u00fccksicht und Solidarit\u00e4t zu entwickeln. Wir k\u00e4mpfen Seite an Seite mit den Protagonist_innen massenmedialer Erz\u00e4hlungen: Neben Walter White und Jesse Pinkman, Ross und Rachel, Tom und Jerry, Timon und Pumba, Max und Moritz, Rick und Morty, Ben und Jerry&#8217;s \u2013 <em>you get the idea<\/em>. Von den tragisch-schicksalhaften Mythen der eigenen Kindheit \u00fcber die Vielzahl von Chroniken, Dramen und Epen, die sich von unserer Jugend bis in die Gegenwart erstrecken, sind wir Narrativ. Die Person, die wir nach au\u00dfen als Erz\u00e4hlung darstellen, sind nicht wir, sondern unser Versuch, uns anderen Menschen greifbar zu machen. Wenn wir diese <em>persona<\/em> also durch Massenmedien generieren, passen wir uns und unsere Person massenmedial verarbeitbaren <em>tropes<\/em> an. Wo subjektive Erlebnisse nicht von Automatismen in das Narrativ aufgehoben werden, nutzt das Subjekt Gesellschaft und Kultur, um als Person zu erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind \u00fcbersaturiert mit gut geschriebenen fiktionalen Charakteren. Mit \u201agut geschrieben\u2018 ist hier gemeint, dass sie entweder nach einem Schema F konstruiert wurden oder eben nach einem entgegengesetzten Schema F2 das Schema F subvertieren soll, denn alles ist kodifiziert in der Kulturindustrie. Der Epoche um Epoche zunehmenden Entfremdung des Subjekts setzt die sozio\u00f6konomische Sph\u00e4re zunehmend standardisierte Identit\u00e4tstypologien entgegen. Denn wir wissen genau, wie \u201aB\u00f6sewichte\u2018 oder Antagonist_innen im Allgemeinen erscheinen, wir wissen, wie das Gute und die Held_innen auftreten. Wir wissen auch, wie wir die Held_innen dekonstruieren und somit auch Empathie f\u00fcr die sogenannten bad guys aufbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zeitgen\u00f6ssische Produktion von Personen entspricht quasi der Produktion von Waren. Entgegen der wachsenden Unm\u00f6glichkeit des Selbstverst\u00e4ndnisses \u00fcberhaupt l\u00e4uft die Produktion eines k\u00fcnstlichen Selbsts in industriellem Ausma\u00dfe: Archetypen, Kategorien, abstrakte Schicksale und Sinnstiftungen vom kulturellen Flie\u00dfband, um vom Subjekt zur Person zu kommen. Weniger sind somit Kultur und Gesellschaft Reflexionsfl\u00e4che unserer Selbst, als das wir Reflexionsfl\u00e4che eben dieser sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne ein Werturteil \u00fcber das Konzept des Individuums ablegen zu wollen, ist das Produkt Person sehr fragmentiert: nicht aber trotzdem \u2013 sondern gerade deswegen \u2013 sehr vereinzelt. Die eigene <em>uniqueness<\/em>, die nat\u00fcrlich nur eine spezifische Konfiguration allgemeiner Typen ist, erweckt den Anschein, man sei tiefgreifend unterschieden von den Leuten. Die geistige Gleichheit und seelische Verwandtschaft der Menschen entzieht sich dem Begriff in der \u00dcberreizung an generischen Variet\u00e4ten, die wir uns in jedem Aspekt der Pers\u00f6nlichkeit, in unserem Alltag feil bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Rohstoff der Person liefert die Kulturindustrie sowie die Konsumkultur. Die sozialen Medien (sowie die darin eingebetteten Massenmedien) bestimmen die Architektur der Person. Die Erfahrung des Subjekts ist diesen Materialien und Modellen untergeordnet.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Diese Unterordnung des Subjekts unter die soziokulturellen Formen bei der Person ist weder neu, noch ernstlich beklagenswert. Die pubert\u00e4re Klage <em>people are fake<\/em> ist ein selbstironisches Monument, das von den Pubertierenden als subversive Aufkl\u00e4rung missverstanden wird: Jeder Ausdruck von Authentizit\u00e4t negiert sich selbst als Ausdruck einer Person. Die Person ist immer ein soziales Medium, ob man sich dessen immer bewusst ist oder nicht. Sie wird demnach niemals dem Authentischen Priorit\u00e4t gegen\u00fcber dem eigenen Sein geben. Demnach ist die Aussage <em>people are fake<\/em> zwar nicht inkorrekt, aber schlie\u00dft die sprechende Person ein und ist an und f\u00fcr sich eben genauso <em>fake<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass unser soziokultureller Korpus die sogenannte Individualit\u00e4t, Unabh\u00e4ngigkeit und <em>uniqueness<\/em> als Tugend oder gar Menschenrecht erachtet, ist ein sehr offensichtliches Indiz f\u00fcr die beklemmende Einsicht, dass eben diesen drei Qualit\u00e4ten immer mehr Unwirklichkeit zuleide kommt: Der Held als Topos entstammt der griechischen Antike und war dadurch definiert, ein Halbgott zu sein. In der mehr oder weniger s\u00e4kularen Kulturindustrie folgt man nun meist Ayn Rand, Ronald Reagan und Margaret Thatcher: Der Held, das neoliberale Subjekt, bedient sich seiner Individualit\u00e4t, um sich gegen das Unrecht zu stemmen (konkret: zumeist Einkommenssteuern).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gesellschaft sucht sich Kompensation f\u00fcr das, was sie sich selbst im Wesen der \u00d6konomie antut. F\u00fcr die Wirtschaft hat der Rand&#8217;sche Mythos vom individuellen Halbgott, der sich selbst schafft, legitimierenden und diskreditierenden Nutzen. Einerseits lassen sich so Apartheids-Erben wie Elon Musk, Klassenfeinde wie Jeff Bezos und Meta-Autokraten wie Mark Zuckerberg als <em>selfmade<\/em> \u201a\u00dcbermensch\u2018 legitimieren. Andererseits propagiert man \u2013 durch den Mensch als autonomes Unikat \u2013 zumindest implizit und informell die alte neoliberale Formel \u201eJeder kann es schaffen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Um zu einem konkreten Beispiel vom sp\u00e4tmodernen Helden zu kommen: Wer genau ist z.B. Tony Stark, auch bekannt als Iron Man? Als Protagonist des gleichnamigen Blockblusters ist Tony Stark Erbe der Stark Industries, einem fiktionalen Unternehmen, das von seinem Vater Howard Stark gegr\u00fcndet wurde, und neben einigen zivilen Projekten vor allem der R\u00fcstungsproduzent im US-Amerika des bekannten Marvel-Comic-Universums war. In den 2000ern produzierten Stark Industries High-Tech-Waffensysteme f\u00fcr einen nicht weiter spezifizierten Krieg im nahen Osten. Tony Stark, der im Verlauf des Films zum sympathischen Antihelden avanciert, musste erst Geisel von nicht weiter spezifizierten Terroristen werden um festzustellen, dass Waffen und Gewalt eigentlich gar nicht so gut sind. Jedenfalls zumindest dann nicht, wenn sie von den nicht n\u00e4her spezifizierten <em>bad guys<\/em> benutzt werden, versteht sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Stark Industries zog sich daraufhin vom Waffenmarkt zur\u00fcck und begann damit, gr\u00fcne, saubere Energiekonzepte zu entwickeln und diese entsprechend zu vermarkten, um weiterhin Profit damit zu erwirtschaften. Das gesammelte milit\u00e4rindustrielle Know-how und die \u00f6konomischen Mittel wurden schlie\u00dflich in die Technologien des namensgebenden Iron Man-Suits gepackt. Tony Stark zieht sich diese R\u00fcstung an und wird damit zum Iron Man, dem gr\u00f6\u00dften Besch\u00fctzer der Menschheit unter der Sonne. Das ist nun euer Held, euer Heiland; der Erbe einer milliardenschweren Milit\u00e4rindustrie, der sich als alleiniger Richter und Henker f\u00fcr das Gute in der Welt gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann man sich also nichts vormachen: Binge-Watching von Marvel bis Disney und der W\u00fcrgegriff parasozialer Beziehungen best\u00e4rken eine starke Tendenz in der Gesellschaft, in der ein quasi fiktionalisierter Elon Musk zum Superhelden erkoren werden kann, indem er sich seinen kostspieligen Iron Man-Suit einfach selbst zusammenbaut und auf Jagd geht. Selbst wenn die Corona-Pandemie in den letzten Jahren vielleicht als Katalysator dieser Tendenzen gewirkt hat: diese Entwicklungen haben sich lange abzeichnet und es scheint ausgeschlossen, dass diese Tendenzen in den kommenden Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig gehen. Denn ohne hier mit dem erhobenen Zeigefinger wedeln zu wollen: Wenn wir weiterhin abends von Streamingdienst zu Streamingdienst klicken und seichten (Superhelden-)Erz\u00e4hlungen einlullen zu lassen, m\u00fcssen wir uns dessen bewusst sein, dass wir wir einen Gro\u00dfteil unserer kulturellen \u201aBildung\u2018 damit Disney, Hollywood (ergo Disney) und Netflix \u00fcberlassen. Wie wir mit diesem Wissen allerdings umgehen wollen, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>____________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Don Draper, in der Serie <em>Mad Men, <\/em>2007<em>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Maximilian Josef Theodor Keller | Sich zwischen den zahlreichen Erz\u00e4hlungen unserer sp\u00e4tmodernen Gesellschaft als handelndes Subjekt zu begreifen, ist gar nicht so einfach. 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