{"id":1011,"date":"2023-01-19T12:32:14","date_gmt":"2023-01-19T11:32:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1011"},"modified":"2023-01-25T15:23:28","modified_gmt":"2023-01-25T14:23:28","slug":"mit-adorno-zu-transinklusivem-feminismus-huch94","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2023\/01\/mit-adorno-zu-transinklusivem-feminismus-huch94\/","title":{"rendered":"Mit Adorno zu transinklusivem Feminismus &#8211; HUch#94"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Ronja Arndt |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der in diesem Jahr erschienene Sammelband &#8222;Kritische Theorie und Feminismus&#8220; besteht aus einer breit gef\u00e4cherten Auswahl an Texten zu dem titelgebenden Themenkomplex. Wenngleich dieses Thema bereits in der Vergangenheit stellenweise behandelt wurde, so wird hier eine neue Bandbreite geboten. Jene Bandbreite umfasst sowohl Texte, die durch ihre analytische Sch\u00e4rfe und das Verkn\u00fcpfen bisher getrennt gedachter Ideen hervorstechen, als auch weniger \u00fcberzeugende Gedankeng\u00e4nge.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-779x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1012\" width=\"467\" height=\"613\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-779x1024.jpg 779w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-228x300.jpg 228w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-768x1010.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-1169x1536.jpg 1169w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-1558x2048.jpg 1558w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-18x24.jpg 18w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-27x36.jpg 27w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro-37x48.jpg 37w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters29_roro.jpg 1787w\" sizes=\"auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px\" \/><figcaption><em>Bild: Felix Deiters<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Kritische Theorie, das sind doch diese alten, <em>wei\u00dfen<\/em> M\u00e4nner namens Adorno und Horkheimer, die sich auf andere alte <em>wei\u00dfe<\/em> M\u00e4nner namens Marx und Freud beziehen. Mit Feminismus h\u00e4tte das nichts zu tun und \u00fcberhaupt sollten weniger alte <em>wei\u00dfe<\/em> M\u00e4nner gelesen werden \u2013 so oder so \u00e4hnlich lauten h\u00e4ufig die Aussagen zum Verh\u00e4ltnis von Kritischer Theorie und Feminismus. In diesen Verallgemeinerungen sind nicht nur einige fragw\u00fcrdige Gedanken zur Kritischen Theorie selbst enthalten, es wird auch das grundlegende Potenzial der Kritischen Theorie verkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend es bereits viel feministische Kritik an der Kritischen Theorie als solche gibt, so ist in den letzten Jahren nochmal Fahrt in die Betrachtungen zum Verh\u00e4ltnis von dieser und feministischen Perspektiven gekommen. Es geht nicht nur darum, negative Kritik auszuteilen, sondern die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr feministische Theorie weiterzudenken. Bisher beschr\u00e4nkt sich dies weitgehend auf akademische bzw. akademisch gepr\u00e4gte Kreise \u2013 mehr Zug\u00e4nglichkeit w\u00e4re dabei durchaus w\u00fcnschenswert. So erschien 2018 Barbara Umraths Dissertation zum Thema Geschlechterverh\u00e4ltnisse und Kritische Theorie. Darin widmete sie sich der Frage, welche Ankn\u00fcpfungspunkte die Kritische Theorie denn eigentlich so f\u00fcr feministische Theoriearbeit zu bieten hat. Nach diesem dicken Brocken folgt nun ein Sammelband aus dem Suhrkamp-Verlag zum gleichen Thema, dieses Mal herausgegeben von Karin St\u00f6gner und Alexandra Colligs. Gerade erstere d\u00fcrfte Personen, die sich mit Kritik an intersektionalen Identit\u00e4tspolitiken besch\u00e4ftigt haben, bereits vertraut sein. Der Sammelband selbst bietet eine Zusammenstellung von 18 Texten \u00fcber mehr als 300 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle ist bereits anzumerken, dass es sich keinesfalls um ein Einstiegswerk zum Thema handelt. Zug\u00e4nglichkeit wird, ihrer akademischen Form verschuldet, bei den meisten Texten kleingeschrieben. Dennoch lohnt sich eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen \u00dcberlegungen. Diese sind zun\u00e4chst in f\u00fcnf Bl\u00f6cke aufgeteilt: von einer Einf\u00fchrung \u00fcber feministische Ideologiekritik, Perspektiven auf Produktion und Reproduktion und dem Streit um Identit\u00e4t, Subjekt und Differenz bis hin zu psychoanalytischen Perspektiven. Damit wird ein breites Feld abgedeckt und bis auf zwei Beitr\u00e4ge (von Gudrun Axeli-Knapp sowie Nancy Fraser) handelt es sich um Originalbeitr\u00e4ge. Die spezifischen inhaltlichen Schwerpunkte der Autor_innen kn\u00fcpfen wiederum an ihre bekannten Arbeiten an. Es ist beispielsweise nichts Neues, wenn Christine Achinger zu Geschlecht und Antisemitismus schreibt oder etwa der von Nancy Fraser gew\u00e4hlte Beitrag eine an Polanyi orientierte Sicht auf Kapitalismus bietet. Dies ist aber auf keinen Fall negativ zu beurteilen, da gerade solche Beitr\u00e4ge einen Einstieg in die sonstigen Arbeiten der Autor_innen vereinfachen k\u00f6nnen. Wer zum Beispiel schon immer mal das gemeinsame Buch von Rahel Jaeggi und Nancy Fraser zu Kapitalismus lesen wollte und zu eingesch\u00fcchtert von dem Umfang war, hat einen soliden Startbonus durch Fraser und Jaeggis Beitr\u00e4ge. Leider k\u00f6nnen nicht alle Beitr\u00e4ge das gleiche Niveau in der Argumentation aufrechterhalten, was bei einem Sammelband dieses Umfangs jedoch zu erwarten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Personen, die sich bereits in der Vergangenheit mit feministischen Streitthemen rund um Kritische Theorie und Postmoderne besch\u00e4ftigt haben, kommen nochmal besonders auf ihre Kosten. Der Sammelband beinhaltet je ein Interview mit Seyla Benhabib und eins mit Rahel Jaeggi. Beide blicken auf vergangene Auseinandersetzungen im (akademischen) Feminismus zur\u00fcck, insbesondere auf den u.a. von Benhabib, Nancy Fraser und Judith Butler verfassten Sammelband <em>Streit um Differenz<\/em>. Dabei bleibt es nicht nur beim Bezug auf Vergangenes: Ein Highlight ist der Beitrag <em>Frau als negatives Subjekt<\/em> von Dagmar Wilhelm, in welchem aktuelle Debatten aufgegriffen und klug vorangetrieben werden. Dabei schafft Wilhelm einen gekonnten Spagat zwischen der brennend aktuellen Frage, wer jetzt eigentlich zum politischen Subjekt Frau z\u00e4hlt und einer tats\u00e4chlich verst\u00e4ndlichen Erkl\u00e4rung von Adornos Negativer Dialektik \u2013 und wie genau diese bei der Beantwortung der Frage hilft. Alleine die gut verst\u00e4ndlichen Ausf\u00fchrungen zur Negativen Dialektik verdienen eine positive Erw\u00e4hnung, denn wie h\u00e4ufig findet man schon einmal tats\u00e4chlich hilfreiche Erkl\u00e4rungen zur Theorie Adornos \u2013 und vor allem der Negativen Dialektik \u2013 anstelle eines blo\u00dfen intellektuellen Schwanzvergleichs? Aufbauend auf der Negativen Dialektik appelliert Wilhelm an dieser Stelle also f\u00fcr einen transinklusiven Feminismus. Auch wenn dies nur als Beiprodukt der restlichen \u00dcberlegungen geschieht, ist dies eine der ersten (traurigerweise vielleicht sogar die erste) abgedruckte Argumentation zur Verbindung von <em>trans liberation<\/em> und Kritischer Theorie.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben Wilhelms Beitrag ist auch jener Barbara Umraths positiv hervorzuheben. Wie bereits in ihrer Dissertation stellt Umrath wortgewandt feministische Anschlusspunkte, in diesem Fall bei Herbert Marcuse, hervor. Marcuse ist eine naheliegende Wahl, da er einst verschiedene \u00dcberlegungen zu sozialistischem Feminismus ver\u00f6ffentlichte und Zeit seines Lebens in ausgiebiger Diskussion mit Feminist_innen stand. In ihrem Text bietet Umrath einen \u00fcbersichtlichen Einstieg zu Marcuses Denken, historischen Begebenheiten und relevanten Aspekten der Psychoanalyse. Nat\u00fcrlich l\u00e4sst Umrath dies nicht unkommentiert stehen, sondern arbeitet eine sorgf\u00e4ltige Kritik heraus. \u00c4hnlich wie bei Frasers bzw. Jaeggis Beitrag bietet dieser Text sich an, ihn vor ausf\u00fchrlicheren Arbeiten zu lesen, um einen soliden \u00dcberblick zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, schwankt an manchen Stellen leider die Qualit\u00e4t der Beitr\u00e4ge und nicht alle bewegen sich auf der gleichen Ebene wie die bereits Genannten. Ein solches Negativbeispiel ist Petra Klugs Text zu feministischer Religionskritik am Beispiel des Islams. Neben Klugs ausf\u00fchrlichem Nachzeichnen aktueller Debatten verblasst ihre eigene Position sichtlich. Es bleibt unklar, welche Position sie selbst vertritt und weshalb sie diese als sinnvoll f\u00fcr die Kritische Theorie erachtet. Dies ist besonders schade, da Religionskritik in derzeitigen Diskussionen oft im Sinne eines antimuslimischen Rassismus vereinnahmt oder pauschal abgelehnt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Allgemeinen ist zu sagen, dass in dem Band selten entgendert wird und die Sprache sich in einem bin\u00e4ren Verh\u00e4ltnis bewegt. An diesem Punkt zeigt sich gleichzeitig eine der gro\u00dfen inhaltlichen Leerstellen des Sammelbandes, n\u00e4mlich feministische Argumentationen, die in der Lage sind, \u00fcber ein bin\u00e4res Geschlechterverst\u00e4ndnis hinauszudenken. Weitere Leerstellen sind das geradezu laute Schweigen zu Rassismus, Ableismus und anderen Diskriminierungsformen. Die Ausnahme bildet Antisemitismus, mit des sich in dem Sammelband ausgiebig besch\u00e4ftigt wird. Dies ist einerseits eine lobenswerte Ausnahme im Kontext aktueller feministischer Beitr\u00e4ge, andererseits sind die genannten Leerstellen im Vergleich dazu h\u00e4ufig unn\u00f6tig, da Kritische Theorie noch viel mehr Potenzial bietet, als in diesem Sammelband aufgegriffen wird. Sei es, sich an Marcuses Vorschlag, Sexualit\u00e4t als Schl\u00fcssel zur Gesellschaft zu begreifen, zu halten, oder auch die Studien zum autorit\u00e4ren Charakter hinsichtlich Rassismus einzubringen \u2013 es gibt noch Vieles, das es zu untersuchen und auszubauen gilt. Dabei sollte nicht vergessen gehen, dass die Kritische Theorie sich selbst die Aufgabe einer umfassenden Gesellschaftstheorie gestellt hat und gerade deswegen bem\u00fcht sein sollte, solche L\u00fccken zu schlie\u00dfen. Nat\u00fcrlich ist dies in einem Sammelband allein nicht m\u00f6glich ist, aber sollte als Anspruch nicht \u00fcbergangen werden, wenn es dann \u2013 wie so oft \u2013 doch wieder nur um die Selbstbeweihr\u00e4ucherung sagenhaft kritischer Kritiker_innen geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn an dieser Stelle der Platz f\u00fcr ausf\u00fchrlichere Besprechungen aller Beitr\u00e4ge fehlt, kann in der Konsequenz dennoch freudig festgestellt werden, dass sich gerade etwas Gro\u00dfes tut in den Dunstkreisen der Kritischen Theorie. Dieses Etwas bietet Impulse f\u00fcr feministische Theorien und zeigt, dass die eingangs erw\u00e4hnten Vorurteile bei aller Kritik an der Frankfurter Schule zu \u00fcberdenken sind. Wer bereit ist f\u00fcr verzwickte Theoriearbeit, wird an dem Sammelband viel Freude haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Karin St\u00f6gner, Alexandra Colligs (Hg.): Kritische Theorie und Feminismus. Suhrkamp-Verlag. 394 Seiten. 24 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Ronja Arndt | Der in diesem Jahr erschienene Sammelband &#8222;Kritische Theorie und Feminismus&#8220; besteht aus einer breit gef\u00e4cherten Auswahl an Texten zu dem titelgebenden Themenkomplex. Wenngleich dieses Thema bereits in der Vergangenheit stellenweise behandelt wurde, so wird hier eine neue Bandbreite geboten. 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