{"id":1008,"date":"2023-01-13T17:36:02","date_gmt":"2023-01-13T16:36:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1008"},"modified":"2023-01-13T17:36:07","modified_gmt":"2023-01-13T16:36:07","slug":"arbeit-als-koloniales-verhaeltnis-huch94","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2023\/01\/arbeit-als-koloniales-verhaeltnis-huch94\/","title":{"rendered":"Arbeit als koloniales Verh\u00e4ltnis &#8211; HUch#94"},"content":{"rendered":"\n<p>| von Kofi Shakur |<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kolonialgeschichte wird oft zwischen Peripherie und Metropole verortet. Minu Haschemi Yekani zeigt eindr\u00fccklich, wie globale Beziehungen Rassendiskurse formten und welche Rolle Arbeit bei der Konfiguration von Rassismen zukam. Mithilfe eines globalgeschichtlichen Ansatzes kann der deutsche Kolonialismus im Rahmen eines europ\u00e4ischen Kolonialprojektes und gemeinsamer Aushandlungen von <\/em>wei\u00df<em> und europ\u00e4isch-sein verstanden werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-730x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1009\" width=\"465\" height=\"651\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-730x1024.jpg 730w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-214x300.jpg 214w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-768x1077.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-1095x1536.jpg 1095w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-1460x2048.jpg 1460w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-17x24.jpg 17w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-26x36.jpg 26w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-34x48.jpg 34w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/huch-Bild-Felix-Deiters14-scaled.jpg 1825w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><figcaption><em>Bild: Felix Deiters<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>In den letzten Jahren gibt es vermehrt Interesse daran, Kolonialgeschichte(n) neu zu schreiben, und Aspekte ihrer Verflechtungen und Abh\u00e4ngigkeiten, sowie die <em>agency<\/em> ihrer Opfer st\u00e4rker mit einzubeziehen. In der bisherigen Kolonialgeschichtsschreibung geraten verschiedene Faktoren aus dem Blick, die Minu Haschemi Yekani exemplarisch f\u00fcr die Kolonialgeschichte Tansanias in ihrem 2020 erschienenen Buch <em>Koloniale Arbeit<\/em>\u201cmit einem scharfen Blick f\u00fcr einzelne Details und Nuancen ausgearbeitet hat. Die Kolonisierung Afrikas versteht sie als gemeinsames europ\u00e4isches Projekt, dessen spezifische Auspr\u00e4gung sich jeweils erst im Laufe der Zeit herausbilden musste.<a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Tansania gilt damit als deutsche Kolonie im Rahmen eines gemeinsamen europ\u00e4ischen Kolonisationsprojektes, in dem es aber beispielsweise auch immer wieder Bez\u00fcge zum Rassendiskurs in den USA, zu globalen Fragen von Migration und Arbeit und zum sich herausbildenden europ\u00e4ischen Diskurs \u00fcber den Islam gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wendet Yekani sich dem inzwischen nicht mehr ganz neuen Ansatz der Global History zu und legt einen Fokus darauf, einzelne Akteur_innen und ihre \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 grenz\u00fcberschreitenden Handlungen zu verfolgen. Anstatt den Staat als haupts\u00e4chlichen Akteur zu betrachten, werden so individuelle Handlungsspielr\u00e4ume und ihre Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung der praktischen Kolonialpolitik ausgeleuchtet. Hierbei wird deutlich, dass es nicht immer eine \u00dcbereinstimmung zwischen der Ideologie der Kolonialgesellschaften und der pragmatischen Gestaltung der kolonialen Herrschaft gab, sondern die kolonialen Ideologien sich auf der Suche nach Legitimit\u00e4t und Funktionalit\u00e4t zwangsl\u00e4ufig in einem Spannungsfeld bewegen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weiterer Ansatz von Yekanis Studie ist, Rassismus nicht vorauszusetzen. Die Untersuchung seiner Genese vor dem jeweiligen historischen und sozio\u00f6konomischen Kontext in Beziehung zu anderen weltweit operierenden Rassendiskursen bildet ein zentrales Thema ihrer Arbeit. \u201eDiese verschiedenen Schwerpunkte zusammen zu diskutieren erg\u00e4nzt die geschichtswissenschaftliche Literatur zur Kolonialgeschichte Deutsch-Ostafrikas\u201c,<a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> so Yekani. Denn diese Fragen seien bisher, wie auch f\u00fcr andere koloniale Kontexte, noch nicht oder nur separat behandelt worden. Eine weitere Erg\u00e4nzung stelle der Autorin zufolge die eindeutige Verkn\u00fcpfung von Rassismus und Arbeit dar. Damit findet schlie\u00dflich eine Problemstellung Eingang in die aktuelle Diskussion der Kolonialgeschichte, an der sich Marios Nikolinakos 1973 mit seinem Buch <em>Politische \u00d6konomie der Gastarbeiterfrage in der BRD<\/em> sowie Peter Schmitt-Egner 1975 in <em>Kolonialismus und Faschismus<\/em> versucht haben: Rassismus aus der Zusammensetzung segregierter Arbeitsm\u00e4rkte heraus zu verstehen. Letzterer begriff \u2013 in dem vielleicht einzigen deutschen Versuch einer marxistischen Interpretation des (kolonialen) Rassismus \u2013 die Entstehung der \u201aRassentheorien\u2018 als Effekt einer Rationalisierung. W\u00e4hrend sich in Europa die \u201afreie\u2018, also warenf\u00f6rmige Lohnarbeit durchsetzte, gab es in \u00dcbersee gleichzeitig Sklaverei und Zwangsarbeit. Durch die Kluft zwischen den beiden Schaupl\u00e4tzen werden die Kolonisierten nach Schmitt-Egner im w\u00f6rtlichen Sinne \u201aminderwertig\u2018, weil es ihre Bestimmung ist, unter dem Wert ihrer Arbeitskraft zu arbeiten.<a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesem Blickwinkel fragt Yekani danach, \u201ewie sich Rassismus als soziale Technik im Prozess der Herrschaftsetablierung und unter Einbeziehung von global wirkenden Einfl\u00fcssen nuanciert, formiert und auch ver\u00e4ndert hat.\u201c<a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> Der Blick auf das koloniale Arbeitsregime hinterfragt dabei auch die allzu rigorose Trennung von freier und unfreier Arbeit, und setzt sie stattdessen in eine dynamische Beziehung, die in Yekanis Fallstudien ein Ergebnis von Aushandlungsprozessen ist. Yekani beschreibt die Gegen\u00fcberstellung von freier und unfreier Arbeit als \u201ahistorischen Irrtum\u2018. Denn aus \u201ehistorischer Perspektive waren sowohl die Sklaverei als auch die Lohnarbeit mit dem Kapitalismus vereinbar, die \u00dcberg\u00e4nge oftmals flie\u00dfend.\u201c Eine vollst\u00e4ndig getrennte Existenz der beiden Arbeitsformen lie\u00dfe sich weder historisch noch r\u00e4umlich belegen.<a href=\"#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a> Einerseits konnten Menschen aus ihrem eigenen Interesse heraus entscheiden, sich f\u00fcr begrenzte Zeit \u2013 oft, aber nicht ausschlie\u00dflich mit Migration verbunden \u2013 in die Unfreiheit der Indentur zu begeben und waren dort schlie\u00dflich Arbeitsbedingungen ausgesetzt, die ihren Vertr\u00e4gen offensichtlich widersprachen. Auf der anderen Seite musste selbst in den Metropolen Gewalt angewandt werden, um die Akzeptanz der \u201afreien\u2018 Lohnarbeit zu besiegeln. Zuletzt gibt es auch biographisch betrachtet statt starren Verl\u00e4ufen oft dynamische \u00dcberg\u00e4nge, in denen Handlungsspielr\u00e4ume sich verringern oder vergr\u00f6\u00dfern k\u00f6nnen. Damit wird deutlich, dass Arbeit im kolonialen Kontext nicht individualisiert gedacht werden kann, sondern als immer eingebettet in die Entwicklung eines globalen Kapitalismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den transnationalen Charakter der kolonialen Arbeit zu verdeutlichen, besch\u00e4ftigt sich Yekani zun\u00e4chst mit der Praxis, asiatische Vertragsarbeiter_innen f\u00fcr die tansanischen Plantagen anzuwerben. Die schlechten Bedingungen auf den Plantagen der Deutschen, beim Stra\u00dfenbau oder bei der Anstellung als Tr\u00e4ger_in machten schnell ihre Runde unter der kolonisierten Bev\u00f6lkerung. Zudem wollten viele ihre eigenen Felder, die zu Beginn noch die Grundlage der Versorgung der kolonialen Infrastruktur bildeten, nicht aufgeben.<a href=\"#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a> Die \u201aeigenen\u2018 kolonialen Arbeitskr\u00e4fte wurden damit als f\u00fcr die Aus\u00fcbung der Arbeit noch nicht bereit eingesch\u00e4tzt. Eine effiziente Ausf\u00fchrung der Arbeit war f\u00fcr die Erwirtschaftung von Profiten aber notwendig. Daher sollten ihnen asiatische Vertragsarbeiter_innen, von deren Beispiel man sich eine \u201azivilisierende\u2018 Wirkung versprach, den Weg zur gen\u00fcgsamen Produktivit\u00e4t weisen. \u201eSie galten als Mediatoren zwischen der Vergangenheit und der Zukunft der Arbeit.\u201c Die oft aus Indonesien oder China stammenden Arbeiter_innen, in Singapur angeworben, nahmen so eine vermittelnde Rolle zwischen der Kolonialmacht und den Afrikaner_innen ein, die auf lange Sicht s\u00e4mtliche Pl\u00e4tze in der Plantagenarbeit \u00fcbernehmen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur in dem Diskurs \u00fcber koloniale Arbeit, der in der Kolonialzeit vorherrschte, sondern auch in der historischen Forschung hat sich eine Vorstellung festgesetzt, die Vertragsarbeit auf besondere Weise mit dem \u201achinesischen Kuli\u2018 identifiziert.<a href=\"#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a> Hierbei wird allerdings au\u00dfer Acht gelassen, dass diese Form der Arbeit nur einen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringen Teil der chinesischen Migration ausmacht.<a href=\"#sdfootnote8sym\" id=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a> Dieses Bild half bei der Konstruktion eines <em>nostalgic peasant<\/em>, der ungelernt f\u00fcr die Verrichtung intensiver Arbeit angeworben, eher schlecht als Recht am Leben erhalten und nach Ablauf seines Vertrages meistens mittellos wieder zur\u00fcckgeschickt wurde.<a href=\"#sdfootnote9sym\" id=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a> So zwangen die Plantagenbesitzer sie etwa, einen Teil ihres Lohns f\u00fcr die Miete aufzubringen oder Waren des Grundbedarfs direkt bei ihnen zu kaufen. Oft wurden sie unter dem vereinbarte Lohn bezahlt. Hinzu kamen Pr\u00fcgelstrafen sowie \u201aSchulden\u2018, die sie am Ende ihres Vertrages durch eine weitere Verpflichtung f\u00fcr ein Jahr abbezahlen mussten.<a href=\"#sdfootnote10sym\" id=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a><br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Dem kolonialen Schulwesen wird bei Yekani besondere Bedeutung zuteil, denn es wird im Sinne der Erziehung zur Arbeit betrachtet. Hier zeichnet Yekani zun\u00e4chst den Konflikt der christlichen Missionsschulen und den prinzipiell konfessionslosen Regierungsschulen ab. Letztere hatten die Ausbildung von Kolonialbeamten als Zweck; Positionen, f\u00fcr die man sich besonders auf die muslimische arabische und Swahili-Elite st\u00fctzte. Entsprechend boten die Regierungsschulen zeitweilig Koranunterricht an, was eine heftige Debatte \u00fcber die Stellung des Christentums bzw. des Islams ausl\u00f6ste. Das Verh\u00e4ltnis der verschiedenen Kolonialm\u00e4chte dem Islam gegen\u00fcber war ambivalent und gerade im Kontext Tansanias von rassistischen Vorstellungen gepr\u00e4gt. \u00dcber verschiedene rassistische Diskurse fand eine Hierarchisierung innerhalb der Religion statt, in welcher der \u201aafrikanische\u2018 Islam die unterste Position einnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf die Frage der Erziehung zur Arbeit waren die Religionen insofern relevant, als sie einen Anreiz darstellten, die Schulen zu f\u00fcllen. Deren Zweck war von pragmatischen Gesichtspunkten gepr\u00e4gt: \u201eDie besondere Herausforderung\u201c, schreibt Yekani, \u201ebestand aus Sicht der Kolonisierenden also darin, genau die richtige Dosis an Wissen zu vermitteln, \u00fcber das sie die komplette Kontrolle behalten wollten.\u201c<a href=\"#sdfootnote11sym\" id=\"sdfootnote11anc\"><sup>11<\/sup><\/a> Neben einer rudiment\u00e4ren Ausbildung, die zum Schreiben von Dokumenten auf Deutsch, jedoch nicht zu deren Verst\u00e4ndnis bef\u00e4higen sollte, befand sich auch praktische Arbeit auf dem Stundenplan \u2013 was auf Swahili mit \u201aKazi ya Schule\u2018 und \u201aKazi ya Mission&#8216; \u2013 Arbeit f\u00fcr die Schule bzw. die Mission \u2013 entsprechend adaptiert wurde und sich auch in Lohnforderungen ausdr\u00fcckte. Die Sch\u00fcler_innen waren n\u00e4mlich nicht bereit, die Arbeit, zu der sie angehalten waren, kostenlos zu verrichten.<a href=\"#sdfootnote12sym\" id=\"sdfootnote12anc\"><sup>12<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend betrachtet Yekani die Rolle der Migration des europ\u00e4ischen Prekariats, dessen Existenz das koloniale Projekt zu unterwandern drohte. Nicht alle, die in die Kolonie kamen, konnten ihren Lebensunterhalt dauerhaft sichern, manche kamen bereits mittellos an. Da das tropische Klima allgemein als ungeeignet f\u00fcr eine gro\u00dffl\u00e4chige europ\u00e4ische Besiedlung galt und k\u00f6rperliche Arbeit im Gro\u00dfen und Ganzen den Afrikaner_innen vorbehalten bleiben sollte, stellten mittellose Deutsche ein Problem f\u00fcr die Kolonialverwaltung dar. Bemerkenswert dabei ist auch hier die Rolle, die Arbeit bei ihrer Vermittlung von <em>race<\/em> spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf Barbados, wo nach Abschaffung der Sklaverei ein Gro\u00dfteil <em>wei\u00dfer<\/em> Arbeiter ehemalige Sklavenarbeiten \u00fcbernommen hatte, woraufhin sie innerhalb der Gesellschaft als <em>black men in white skins<\/em> \u2013 zum einen deklassiert, aber auch aus der national-bestimmten <em>wei\u00dfen<\/em> Gemeinschaft ausgeschlossen \u2013 galten, schreibt Yekani: \u201eDas Beispiel der Karibik unterstreicht den Umstand, dass Prestige und die gemeinhin mit <em>wei\u00dfer<\/em> Hautfarbe verbundenen Privilegien ein Produkt eines sozialen Verh\u00e4ltnis waren, das in einem engen Zusammenhang mit der Arbeitsordnung, mit \u201aReichtum, Macht und Status [&#8230;]\u201c<a href=\"#sdfootnote13sym\" id=\"sdfootnote13anc\"><sup>13<\/sup><\/a> stand. Hier findet sich die Schlussfolgerung wieder, die auch Frantz Fanon f\u00fcr die Erscheinung der kolonialen Klassenstruktur gezogen hat: \u201eYou are rich because you are white, you are white because you are rich\u201c<a href=\"#sdfootnote14sym\" id=\"sdfootnote14anc\"><sup>14<\/sup><\/a>. Im Spannungsfeld dieser Bilder schreibt Yekani, galten deutsche Proletarier \u201ein der fr\u00fchen Kolonialpropaganda noch als nationale Hoffnungstr\u00e4ger\u201c, gerieten aber durch ihre Klassenzugeh\u00f6rigkeit bald in Widerspruch zu dem Vorhaben, \u201edie deutschen Kolonien nicht nur zu einem zweiten, sondern zu einem \u201abesseren\u2018 Deutschland werden zu lassen.\u201c<a href=\"#sdfootnote15sym\" id=\"sdfootnote15anc\"><sup>15<\/sup><\/a> Der Siedler sollte als \u201e\u201aKulturpionier\u2019 \u2013 vorzugsweise mit einer passenden Frau an seiner Seite \u2013 den b\u00fcrgerlichen Wertekanon repr\u00e4sentieren. Dazu geh\u00f6rten Eigenschaften wie Individualismus, Kampfbereitschaft, Aufstiegs- und Leistungswille genauso wie Privateigentum und Kapitalkraft.\u201c<a href=\"#sdfootnote16sym\" id=\"sdfootnote16anc\"><sup>16<\/sup><\/a> Da viele der in die Kolonie migrierten <em>wei\u00dfen<\/em> Deutschen dieses Bild aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden nicht erf\u00fcllen konnten, stieg der Druck, zumindest hinsichtlich <em>race<\/em> eine Vormachtstellung zu erringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Konsequenterweise mussten Europ\u00e4er_innen in der Kolonie die Gemeinschaft mit ihresgleichen suchen, um sich mittels einer vermeintlich gemeinsamen <em>wei\u00dfen<\/em> Kultur vor dem Risiko abzuschirmen, in einem \u00f6konomisch vermittelten Sinne auch hinsichtlich <em>race<\/em> herabzusinken.<a href=\"#sdfootnote17sym\" id=\"sdfootnote17anc\"><sup>17<\/sup><\/a> Eine besondere Rolle als H\u00fcterinnen der deutschen Lebensart und Kultur kam dabei den Frauen zu, die in eigens gegr\u00fcndeten Kolonialvereinen f\u00fcr ihren Einsatz ausgebildet wurden. Die Frauenkolonialschulen scheiterten letztlich ebenfalls an dem Widerspruch zwischen dem ideologischen Status und den Anspr\u00fcchen an und von b\u00fcrgerlichen Frauen und der Notwendigkeit bescheidener proletarischer Dienstbarkeit.<a href=\"#sdfootnote18sym\" id=\"sdfootnote18anc\"><sup>18<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>An diesen Beispielen wird deutlich, wie Arbeit und ihre spezifischen Eigenschaften in Verbindung mit ideologischen Elementen wie Kultur und Religion bei der Strukturierung der Klassengesellschaft in kolonialen Gesellschaften gewirkt haben. Dabei war keines dieser Elemente statisch, sondern unterlag spezifisch lokalen Auspr\u00e4gungen, die jedoch immer wieder \u00fcber Grenzen hinweg mit transnationalen Diskursen und anderen lokal ausgepr\u00e4gten Praktiken in Bezug gesetzt wurden. Arbeit ist also nicht einfach innerhalb einer national isolierten Wirtschafts- oder Sozialgeschichte zu betrachten, sondern immer eingebettet in transnationale Netzwerke, die gerade im Kapitalismus die geographische Verteilung von Ausbeutung regulieren. Arbeit und diese transnationalen Netzwerke ihrer Vermittlung und Bewertung m\u00fcssen zudem als ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Herausbildung von Kategorien wie <em>race<\/em> und die geschlechts- und <em>race<\/em>-spezifische Konnotation bestimmter Arbeitsformen verstanden werden. Erst mit einer solchen Perspektive k\u00f6nnen die Dynamiken der Etablierung und Aufrechterhaltung (vor)kapitalistischer und (vor)kolonialer Unterdr\u00fcckungsmechanismen historisch nachgezeichnet werden. Yekanis Buch tut genau das und ist damit eine Bereicherung f\u00fcr die Auseinandersetzung mit afrikanischer und globaler Geschichte und l\u00e4sst hoffen, dass auch die Geschichte der anderen deutschen Kolonien mit dem gleichen Reichtum an Detailverliebtheit erneut untersucht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Minu Haschemi Yekani: Koloniale Arbeit. Tansania (1885\u20131914), Campus, 2019, S. 18<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Ebd.: S. 23<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> Peter Schmitt-Egner: \u201eWertgesetz und Rassismus\u201c, in: <em>Gesellschaft. Beitr\u00e4ge zur Marxschen Theorie<\/em>, Nr.8\/9, Suhrkamp, 1976, S.350-404, zitiert nach Mark Terkessidis: <em>Die Banalit\u00e4t des Rassismus<\/em>, transcript, 2004, S. 78.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> Yekani 2019, S. 24.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\" id=\"sdfootnote5sym\">5<\/a> Ebd.: S. 30.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\" id=\"sdfootnote6sym\">6<\/a> Ebd.: S. 51-59.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\" id=\"sdfootnote7sym\">7<\/a> Der Begriff \u201aKuli\u2018 wird mit einer ethnisierten Dimension der Indenturarbeit assoziiert, mit der klare rassistische Zuschreibungen einhergehen. Der Begriff leitet sich in seiner spezifischen Verwendung aus den Sprachen Tamil und Gujarati ab: \u201eIm Tamil beschreibt k\u016bli nicht etwa einen Personenstand, sondern eine spezifische Form der Entlohnung f\u00fcr Knechte. Der Gujarati-Begriff Kuli hingegen betitelte eine stigmatisierte Gruppe\u201c (Yekani 2019, S. 71) Im englischen <em>coolie<\/em>, aus dem der deutsche Begriff sich ableitet, finden sowohl die niedrige Bezahlung als auch die rassistische Konnotation ihren Nachklang.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\" id=\"sdfootnote8sym\">8<\/a> Ebd.: S. 50.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\" id=\"sdfootnote9sym\">9<\/a> Ebd. S. 74.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\" id=\"sdfootnote10sym\">10<\/a> Ebd. S. 91-94.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\" id=\"sdfootnote11sym\">11<\/a> Ebd.: S. 141.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\" id=\"sdfootnote12sym\">12<\/a> Ebd.: S. 142-145.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\" id=\"sdfootnote13sym\">13<\/a> Ebd.: S. 207.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote14anc\" id=\"sdfootnote14sym\">14<\/a> Frantz Fanon: <em>The Wretched of the Earth<\/em>, Grove Press, 1991, S. 39.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote15anc\" id=\"sdfootnote15sym\">15<\/a> Yekani 2019, S. 208.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote16anc\" id=\"sdfootnote16sym\">16<\/a> Ebd.: S. 210.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote17anc\" id=\"sdfootnote17sym\">17<\/a> Ebd.: S. 213.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote18anc\" id=\"sdfootnote18sym\">18<\/a> Ebd.: S. 234-235.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| von Kofi Shakur | Kolonialgeschichte wird oft zwischen Peripherie und Metropole verortet. Minu Haschemi Yekani zeigt eindr\u00fccklich, wie globale Beziehungen Rassendiskurse formten und welche Rolle Arbeit bei der Konfiguration von Rassismen zukam. Mithilfe eines globalgeschichtlichen Ansatzes kann der deutsche Kolonialismus im Rahmen eines europ\u00e4ischen Kolonialprojektes und gemeinsamer Aushandlungen von wei\u00df und europ\u00e4isch-sein verstanden werden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1008","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1008"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1008\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1010,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1008\/revisions\/1010"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}