{"id":1003,"date":"2022-12-09T17:13:20","date_gmt":"2022-12-09T16:13:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/?p=1003"},"modified":"2022-12-09T17:13:23","modified_gmt":"2022-12-09T16:13:23","slug":"der-zyklus-der-abwertung-huch94","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/2022\/12\/der-zyklus-der-abwertung-huch94\/","title":{"rendered":"Der Zyklus der Abwertung &#8211; HUch#94"},"content":{"rendered":"\n<p>| Moritz Aschemeyer | <\/p>\n\n\n\n<p><em>Immer mehr Besch\u00e4ftigte werden durch Algorithmen bei der Arbeit getrackt und kontrolliert. \u00dcber die polit\u00f6konomischen Ursachen dieses Trends, die Auswirkungen auf den Arbeitsprozess und neue M\u00f6glichkeiten und Ressourcen des organisierten Widerstands sprach die HUch mit dem Soziologen Simon Schaupp.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-802x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1005\" width=\"499\" height=\"637\" srcset=\"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-802x1024.jpg 802w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-235x300.jpg 235w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-768x980.jpg 768w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-1204x1536.jpg 1204w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-19x24.jpg 19w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-28x36.jpg 28w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1-38x48.jpg 38w, https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/huch-Bild-Felix-Deiters11_ed_Moritz-1.jpg 1496w\" sizes=\"auto, (max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><figcaption><em>Bild: Felix Deiters<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Interview mit Simon Schaupp<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn man als Laie an algorithmische Arbeitssteuerung denkt, hat man vielleicht das Bild von Fahrradkurier_innen im Kopf, die per Handy Anweisungen bekommen. Was verstehen Sie unter dem Begriff und in welchen Branchen tritt algorithmische Arbeitssteuerung vor allem auf?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Algorithmische Arbeitssteuerung bezeichnet den Fall, in dem Menschen bei der Arbeit Anweisungen von einer Software bekommen und von dieser anstatt von Menschen kontrolliert werden. Dieser Arbeitsprozess wird sehr stark mit der Plattformarbeit<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> assoziiert, doch das ist falsch. Weder kommt er von dort noch wird er nur dort angewandt. In der Industrie und Logistik wird schon recht lange mit digital gesteuerten Arbeitsprozessen gearbeitet. Eine repr\u00e4sentative Umfrage vom DGB-Index \u201eGute Arbeit\u201c hat gezeigt, dass eine Mehrheit der Besch\u00e4ftigten in Deutschland mit digital gesteuerten Prozessen arbeitet. Das Ausma\u00df davon ist unterschiedlich. Ich habe Besch\u00e4ftigte in der manuellen Arbeit untersucht, die ausschlie\u00dflich mit solchen Prozessen kontrolliert werden. Neben den Kurierdiensten ist etwa die Arbeit im Online-Versandhandel in den Warenlagern ein weiteres Beispiel. Das ist technisch recht simpel. Die Besch\u00e4ftigten erhalten Handscanner, die anzeigen, wohin sie gehen und was sie aufheben m\u00fcssen. In der Montage ist das typischerweise so, dass man ein Display vor sich hat, auf dem Bilder oder Texte mit detaillierten Arbeitsanweisungen angezeigt werden. Die zweite Gemeinsamkeit neben den Anweisungen ist das Tracking der Arbeit. Bei den Kurieren oder in den Warenlagern geschieht das durch GPS-Lokalisierung und bei den Werkerleitsystemen im Industriebereich zum Beispiel dadurch, dass die Zehntelsekunden zwischen den einzelnen Arbeitsschritten jeweils gestoppt werden, um so genau eruieren zu k\u00f6nnen, wo Arbeiter_innen Verz\u00f6gerungen haben und Arbeit verdichtet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Woran liegt es, dass die algorithmische Arbeitssteuerung attraktiv geworden ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Makro\u00f6konomisch l\u00e4sst sich seit Mitte der 1970er-Jahre ein Absinken der Investitionsquoten in die Produktion beobachten. Profite aus der Produktion werden weniger in sogenanntes produktives Kapital reinvestiert, also beispielsweise Maschinen, sondern tendenziell eher auf Finanzm\u00e4rkte verschoben, weil das Kapital dort weniger fixiert und teilweise auch profitabler angelegt ist. Das liegt daran, dass es auch bei hohen Profiten ein Risiko darstellt, Produkte \u00fcberhaupt verkaufen zu k\u00f6nnen. Das ist eine krisenhafte Entwicklung, weil die kapitalistische Produktion rationalisiert werden muss und nicht station\u00e4r bleiben kann. Deswegen wird viel dar\u00fcber diskutiert, dass die Arbeitsproduktivit\u00e4t nicht mehr so steigt wie fr\u00fcher. Das sind alles Anzeichen daf\u00fcr, dass es entgegen dem Hype wenig Investitionen in Automatisierung und Robotik gibt. Der Hype geht von dem aus, was technisch m\u00f6glich ist. Das ist aber \u00f6konomisch nicht attraktiv, insbesondere nicht in Deutschland, weil es hier einen sehr gro\u00dfen Niedriglohnsektor gibt. Daher gibt es die Tendenz der Einbindung von Niedriglohnarbeit in diesen Bereichen: der sogenannten Einfacharbeit, insbesondere der manuellen Arbeit. Das geht durch algorithmische Arbeitssteuerung sehr gut. Man kann Leute fernsteuern und muss daf\u00fcr nicht am selben Ort sein. Man kann sprachlich konfigurierbare Systeme einrichten und einsetzen, sodass die Besch\u00e4ftigten nicht einmal mehr die lokale Sprache sprechen m\u00fcssen. Zudem ist es interessant, dass genau die Branchen, die als Hightech-Branchen gelten, dezidiert Gesch\u00e4ftsmodelle entwickeln, die viel menschliche Arbeit ben\u00f6tigen. Im Online-Versandhandel oder bei Essenslieferdiensten gibt es in Bezug auf Produktivit\u00e4t \u2013 also dem notwendigen Arbeitsinput im Vergleich zum Output \u2013 einen extremen R\u00fcckschritt. Es ist v\u00f6llig falsch davon auszugehen, dass dabei die Produktivkr\u00e4fte auf besondere Weise entwickelt w\u00fcrden. Vielmehr geht es lediglich um die Absorption von viel menschlicher Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was folgt aus dieser \u00f6konomischen Situation f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten in diesen Branchen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich verwende hierf\u00fcr den Begriff der kybernetischen<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> Proletarisierung, der sich von einem Szenario der technologischen Arbeitslosigkeit abgrenzt. Denn die Leute werden nicht arbeitslos, sondern m\u00fcssen in sehr schlechten Arbeitsverh\u00e4ltnissen arbeiten. Das folgt einem Zyklus, in dem verschiedene Abwertungsmechanismen aufeinander folgen. Zun\u00e4chst wird die Arbeit dadurch dequalifiziert, dass man detaillierte Anweisungen gibt. Damit f\u00e4llt das Niveau der Ausbildung, was die Lohnkosten dr\u00fcckt und den flexiblen Einsatz der Arbeitskr\u00e4fte erm\u00f6glicht. Wenn die Arbeitskr\u00e4fte nicht eingearbeitet werden m\u00fcssen, ist es viel attraktiver f\u00fcr Unternehmen, eine Politik des Anheuerns und Feuerns zu betreiben oder Besch\u00e4ftigte zwischen verschiedenen Arbeitsstationen zu verschieben. Die zweite Stufe ist eine Arbeitsverdichtung, in der diese dequalifizierten Arbeitsprozesse nochmal intensiv getrackt werden und sogenannte Totzeiten wie Pausen oder Standzeiten erkannt werden. Das Ziel hierbei ist, dass mehr Arbeit in derselben Zeit verausgabt wird, was wiederum auch eine Form der Verdr\u00e4ngung menschlicher Arbeit aus dem Produktionsprozess darstellt. Und der dritte Schritt \u2013 wenngleich dieser am seltensten vorkommt \u2013 ist, dass auf Basis der Daten aus dem menschlichen Arbeitsprozess automatische Systeme programmiert werden. Ein Beispiel hierf\u00fcr w\u00e4re, dass die Daten von Intralogistikern<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup> benutzt werden, um fahrerlose Transportsysteme zu entwickeln. Diese drei Faktoren stellen eine qualitative und quantitative Verdr\u00e4ngung menschlicher Arbeit dar. Diese f\u00fchrt nicht dazu, dass alles automatisiert wird, sondern dazu, dass ein neuer Zyklus beginnt und noch mehr menschliche Arbeitskraft integriert wird, jedoch in abgewerteter Form. Das ist die objektive Seite der kybernetischen Proletarisierung. Auf der subjektiven Seite zeigt sich, dass sich unter den betroffenen Besch\u00e4ftigten innerhalb der Unternehmen eine Art proletarischer Subkultur herausgebildet hat, die sich stark von anderen T\u00e4tigkeiten im Unternehmen abgrenzt, insbesondere vom Management.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wie ergeht es in diesem Prozess dem Management?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel dieser Systeme ist, dass die Manager_innen oder Teamleiter_innen durch eine Software ersetzt werden. In dem Bereich fallen die Jobs auch weg und das f\u00fchrt dann dazu, dass sie entweder proletarisiert werden und nach unten in die Ausf\u00fchrung rutschen oder aber in die andere Richtung oben ins strategische Management aufsteigen. Insofern korrespondiert das mit Polarisierungstendenzen, die sich auf dem gesamten Arbeitsmarkt zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht der Widerstand seitens der Besch\u00e4ftigten aus und welche Machtressourcen stehen dabei zur Verf\u00fcgung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen sehr stark angekurbelten Diskurs dar\u00fcber, dass diese Form der Arbeit \u00fcberwacht und atomisiert sei und Arbeiter_innen deshalb dort nicht organisiert werden k\u00f6nnen. Das ist falsch, denn in diesem Bereich gibt es mehr Arbeitsk\u00e4mpfe. Ein Kollege von mir hat f\u00fcr England berechnet, dass in der digitalen Lieferbranche \u00fcber 60 Prozent mehr Arbeitstage im Jahr an Streiks verloren gehen als im Rest der \u00d6konomie. Die Abwertung ist ein konflikthafter Prozess. Wenn die Besch\u00e4ftigten merken, dass ihre Arbeitsbedingungen schlechter werden, steigt die Wahrscheinlichkeit von Konflikten, was selbst schon eine Machtressource f\u00fcr die Organisierung sein kann. In der Alltagspraxis zeigt sich, dass diese Systeme manches besser \u00fcberwachen k\u00f6nnen als menschliche Vorgesetzte, anderes hingegen gar nicht. In der Fabrik, in der ich gearbeitet habe, wurde ein Teamleiter durch ein Arbeitsleitsystem ersetzt. Das konnte tracken, wie schnell ich arbeite, aber es konnte nicht feststellen, ob ich mit meinem Sitznachbar quatsche, was davor verboten war. Dadurch konnten wir uns intensiv \u00fcber Probleme austauschen. Bei den Fahrradkurieren ist das viel extremer, weil die gar keinen gemeinsamen Arbeitsort mit dem Management haben und es deswegen weder Einbindung in Unternehmensideologie noch pers\u00f6nliche Kontrolle gibt. Deswegen ist die Organisierung diesbez\u00fcglich viel einfacher als in anderen Unternehmen, weil man die Arbeitszeit selbst nutzen kann, um Betriebsgruppen zu gr\u00fcnden oder Betriebsr\u00e4te vorzubereiten. Eine andere Machtressource ist die Verwundbarkeit von digitalen Infrastrukturen selbst. Die Besch\u00e4ftigten k\u00f6nnen die meisten digitalen Technologien manipulieren oder umgehen. Mit der Folge, dass ganze Technologien dann doch nicht implementiert werden. Auf gr\u00f6\u00dferer Ebene, etwa in der Industrie, l\u00e4sst sich in der digitalen Rationalisierung von Lieferketten durch Streiks und Produktionsst\u00f6rungen viel st\u00e4rkerer Druck aus\u00fcben, da die Lieferketten stark integriert sind. Wenn irgendwo gestreikt wird, steht dann nicht nur eine Fabrik, sondern ein ganzer Sektor still. Ein Problem ist dabei die Ersetzbarkeit von Arbeiter_innen. Das hat man beim Gorillas-Streik letztes Jahr gesehen, als das Unternehmen die Konsequenz gezogen hat, hunderte Besch\u00e4ftigte auf einmal zu entlassen, was sich ein normales Unternehmen aufgrund der extremen Suchkosten f\u00fcr Neueinstellungen nicht leisten k\u00f6nnte. Insbesondere in der Industrie ist es au\u00dferdem so, dass die Gewerkschaften sich auch selbst f\u00fcr die Digitalisierung einsetzen. Dann kommt es zu einem Technokorporatismus<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>, bei dem ein Digitalisierungskonsens zwischen Arbeitgeber_innen und Gewerkschaften herrscht und die Gewerkschaften sich auch ganz konkret an der Implementierung von algorithmischer Arbeitssteuerung beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie verkaufen die Gewerkschaften oder Betriebsr\u00e4t_innen das an die Basis?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Betriebsr\u00e4t_innen sind ja einerseits auf den Betriebsfrieden verpflichtet, k\u00f6nnen also nicht zum Streik aufrufen, sondern sind Akteur_innen im Betrieb und deswegen auch darauf verpflichtet, sich nicht prinzipiell der Rationalisierung zu versperren. Neben der Arbeitsplatzsicherheit kommen auch Argumente der verbesserten Ergonomie durch technologische Aufwertung der Infrastruktur zum Einsatz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es denn auch Aspekte, die f\u00fcr die Interessen der Besch\u00e4ftigten positive Elemente beinhalten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger Punkt ist eine Art Quantifizierung von unten. Wenn die Belegschaft die erhobenen Daten miteinander teilt, kann man den Vorgesetzten gegen\u00fcber darauf hinwirken, dass Besch\u00e4ftigte nicht gegeneinander ausgespielt werden. Das wird auch international gemacht, etwa bei dem Onlineversandh\u00e4ndler, den ich untersucht habe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind f\u00fcr Sie neben dem Datenbesitz noch zentrale aktuelle oder potenzielle Konfliktfelder, die sich mit algorithmischen Arbeitssteuerungssystemen verbinden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Arbeitszeit ist ein zentraler Punkt. Die Kontrolllogik, die mit der algorithmischen Arbeitssteuerung einhergeht, ist meistens ein kybernetisches Kontrollmodell, wo die Arbeiter_innen Feedback zu ihrer T\u00e4tigkeit bekommen und dieses dann optimieren sollen. Hier handelt es sich also nicht um die klassische, repressionsbasierte \u00dcberwachung, sondern die kybernetische Kontrolle f\u00fchrt zu einer Arbeitsverdichtung, worunter die Besch\u00e4ftigten leiden. In allen Bereichen, die ich untersucht habe, waren die Besch\u00e4ftigten h\u00e4ufig gestresst, konnten weniger schlafen oder wurden krank. Diesen Gesundheitsaspekt gilt es zu politisieren. In einem Projekt, das ich begleitet habe, wurde beispielsweise erk\u00e4mpft, dass man zus\u00e4tzliche Urlaubstage als Ausgleich f\u00fcr die Einf\u00fchrung von so einem Arbeitsverdichtungsprogramm bekommt. Auf der Makroebene ist es wichtig zu erg\u00e4nzen, dass nat\u00fcrlich auch die Entwicklung dieser Technologie ein politisches Feld ist, das viel zu wenig politisiert wird. Viele Technologien werden mit Staatsgeldern entwickelt. Insbesondere in Deutschland sind die Fraunhofer-Institute ganz vorne mit dabei. Aus linker Perspektive w\u00e4re es wichtig zu fordern, dass diese F\u00f6rderung demokratisiert wird und nur Technologieentwicklung gef\u00f6rdert wird, die soziale und \u00f6kologische Ziele bef\u00f6rdert und nicht unterminiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sehen Sie auch Potenziale, dass das kybernetische Proletariat versucht, sich \u00fcber Branchen hinweg zu organisieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Gruppe von Besch\u00e4ftigten, die ich untersucht habe, lie\u00df sich eine sehr starke internationale Vernetzung beobachten. Darin liegt meines Erachtens auch ein zentraler emanzipatorischer Aspekt dieser Arbeitsk\u00e4mpfe, da ihr Inhalt nicht ist, dass eine Verbesserung auf Kosten anderer gefordert wird. Stattdessen geht es darum, gemeinsam \u2013 zwar meist innerhalb eines Unternehmens, aber an verschiedenen Standorten \u2013 Streikaktivit\u00e4ten zu synchronisieren und Forderungen zu stellen. Meine These ist, dass das deshalb m\u00f6glich ist, weil sich die Arbeitserfahrungen angleichen. Solidarit\u00e4t f\u00e4llt nicht vom Himmel, sondern geschieht, wenn man sich mit anderen Leuten identifizieren kann. Und wenn sich die Arbeitsprozesse von Leuten an verschiedenen Enden der Welt gleichen, dann f\u00e4llt das viel leichter. Das geht \u00fcber einzelne Unternehmen hinaus, weil selbst in sehr unterschiedlichen Branchen die zentrale Arbeitserfahrung nicht mehr dar\u00fcber definiert wird, was konkret produziert wird, sondern durch das Abarbeiten algorithmischer Anweisungen. Das k\u00f6nnte auch die Basis von weitergehender Solidarisierung \u00fcber die Grenzen einzelner Konzerne hinweg bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Simon Schaupp ist Soziologe und lehrt an der Universit\u00e4t Basel. Er forscht unter anderem zur Transformation der Arbeitswelt, zur Digitalisierung und zur \u00f6kologischen Krise. Seine Dissertation <em>Technopolitik von unten<\/em> erschien 2021 bei Matthes und Seitz und befasst sich mit der algorithmischen Arbeitssteuerung, den Folgen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten und Widerstandspraktiken.<\/p>\n\n\n\n<p>_________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Plattformarbeit beschreibt T\u00e4tigkeiten, die \u00fcber Onlineplattformen oder Apps vermittelt werden (v.A. Dienstleistungen wie z.B. Reinigung, Lieferungen oder Personentransport) oder g\u00e4nzlich auf diesen stattfinden (Cloudwork, z.B. Designarbeiten oder auch bezahlte Rezensionen).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Der Begriff Kybernetik beschreibt die Wissenschaft von sich selbst steuernden maschinellen Systemen in Analogie zu lebendigen Organismen. Im Kontext der Arbeitssoziologie sind hiermit h\u00e4ufig Systeme maschinellen Feedbacks gemeint, die Informationen aus der Arbeit ins System speisen und den Besch\u00e4ftigten zur\u00fcckspielen, woraufhin diese die Arbeit nach diesem Feedback ausrichten.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Intralogistik beschreibt logistische Prozesse innerhalb eines Betriebsgel\u00e4ndes, z.B. einem Warenlager.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> Korporatismus beschreibt die Einbindung organisierter Interessen in politische Strategien und Entscheidungen. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist das deutsche Modell der Sozialpartnerschaft, das auf einer eingehegten institutionalisierten Austragung von Interessenskonflikten zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverb\u00e4nden im nationalen Interesse basiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>| Moritz Aschemeyer | Immer mehr Besch\u00e4ftigte werden durch Algorithmen bei der Arbeit getrackt und kontrolliert. \u00dcber die polit\u00f6konomischen Ursachen dieses Trends, die Auswirkungen auf den Arbeitsprozess und neue M\u00f6glichkeiten und Ressourcen des organisierten Widerstands sprach die HUch mit dem Soziologen Simon Schaupp.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1003","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1003"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1006,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003\/revisions\/1006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1003"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1003"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.refrat.de\/huch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1003"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}