Unter_bau oder der Optimismus. Bericht über die Gründung einer Transformationsorganisation – HUch#86

Von Joshua Schultheis

Die Programmschrift der neuen basisdemokratischen Gewerkschaft der Frankfurter Goethe-Universität beginnt mit einer Feststellung: »Wir leben sicher nicht in der besten aller möglichen Welten.« Eine Feststellung, zu der, seit Voltaire sie seinen tragischen Anti-Helden Candide hat machen lassen, jede Generation von neuem gelangen muss. Sie stand auch am Beginn der großen Studierendenrevolte der 1960er Jahre. In der BRD die Verachtung für die NS-Vergangenheit der eigenen Eltern und der politischen und akademischen Elite, in den USA der Verlust des Glaubens in die eigene moralische Überlegenheit und die Empörung über die Verwicklung der Universitäten in imperialistische Kriege. Was einen heute so alles aus der Illusion reißt, man lebe in einer guten Welt, muss nicht extra erwähnt werden. Damals wie heute folgt daraus eine weitere Feststellung: Wir studieren, lehren und arbeiten nicht in den besten aller möglichen Hochschulen! Unter_bau hat sich vorgenommen, hieran etwas zu ändern.

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Das Märchen von der »universitas« – HUch#86

Von Apollonia zu Hohensteinach

Die Universität ist ein Traum. Ein Traum von einem Ort, dem man sich unwissend anvertraut, um ihn wissend wieder zu verlassen. Welche Art von Wissen worüber dort vermittelt wird, wofür und warum, hat sich mit der Zeit ebenso verändert wie mit ihrer Klientel; jene selbst hat sich am allermeisten verändert. Die Universität als höchste Bildungsinstitution unserer Gesellschaften war traditionell ein Ort der Restriktion und ist es heute, da fallen Illusionen schwer. Aber man munkelt, es habe irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts merkwürdige Leute gegeben, die die ganze Zeit an nichts anderes dachten als an die Möglichkeit einer freien, emanzipierten Gesellschaft. Diese Leute hatten angeblich ein Faible für Illusionen, und irgendwie stellten sie sich die Universität als das Gewächshaus einer besseren Welt vor. Die Gesellschaft dieser Zeit war durchaus restriktiv; die Universität allerdings hatte darin eine besondere Position: In einem wirtschaftlich aufstrebenden Staat sollte sie die Verwaltungs- und Bildungselite produzieren, also wurde sie reichlich finanziert, und der Zugang zu ihren heiligen Hallen wurde erleichtert. Plötzlich war sie ein Ort, an dem Menschen aus allen möglichen sozialen Lagen zusammenfanden. Einige von ihnen sahen die Möglichkeit, die in ihren Strukturen und Lehrinhalten nach wie vor reaktionäre Institution zu einem Ort der sozialen Assoziation, der Reflexion, des Diskurses, der Kritik zu machen. Von diesem Ort sollte gesellschaftliche Bildung ausgehen. Also protestierten und demonstrierten sie, belagerten sie die Hörsäle und Straßen und veränderten: Universität und Gesellschaft.

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Im Modus der Modulation. Fabriken des Wissens – HUch#86

Von Gerald Raunig

»Welcome to the Machine!«, so begrüßt die Universität in einem satirischen Blatt des deutschen Zeichners und Schriftstellers Gerhard Seyfried aus den 1970er Jahren ihre Studierenden1. Die »Maschine« entpuppt sich bei genauer Betrachtung des Blatts jedoch viel eher als Fabrik, denn es geht um die automatisierte Massenfertigung der spezifischen Ware Wissen in den Universitäten. Die Seyfried’sche Wissensfabrik hat auch Elemente einer Geisterbahn (mit allerlei gruseligen Überraschungen für ihre Insassen), eines Flipper-Geräts (die Studierenden als gestoßene und getriebene Flipper-Kugeln), eines dreistöckigen Nürnberger Trichters (das Wissen wird hier allerdings – wie es sich für eine Fabrik gehört – massenweise und anonymisiert abgefüllt). Derlei anschauliche Übertragungen zentraler Komponenten der fordistischen Kern-Institution Fabrik auf andere Institutionen waren stets weit verbreitet. Doch was bedeutet es, dass auch am Übergang zu postfordistischen Produktionsweisen weiterhin ungebrochen gerade die Metapher der Fabrik auf die Universität angewandt wird?

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