50 Jahre »Studentenrevolte«. Über das Verhältnis von Universität und Revolution – HUch#88

Von Joshua Schultheis

»IHR BILDET DIE FÄHIGKEIT DES BLINDEN GEHORSAMS GEGENÜBER EINER VERWIRRENDEN FLUT VON TRIVIALEN VERORDNUNGEN DER BÜROKRATIE AUS. IM NAMEN DER BILDUNG DES MENSCHEN ERWERBT IHR DIE FÄHIGKEIT, ANGESICHTS VON VERORDNUNGEN FÜGSAM ZU SEIN.«

So steht es auf einem Flugblatt, verteilt auf dem Campus der Universität Berkeley, Kalifornien, Ende 1964. Und weiter: »Ich beschwöre euch, die beruhigenden Gefühle der Pflicht und der Verantwortung für diese Institution voll Zorn auf den Abfallhaufen zu werfen und eurer Situation gemäß zu handeln. […] Organisiert euch und zerlegt diese Universität schonungslos!«1. Dies ist eine von vielen Sichtweisen der revoltierenden Studierenden der 60er Jahre auf ihre Universität. Maßgeblich wurde sie nicht. Welche es wurden, wie sich die sogenannten »68er« das Verhältnis der Universität zu einer radikalen politischen Praxis vorgestellt haben und was daraus für eine emanzipatorische Hochschulpolitik von heute gelernt werden kann, soll Thema dieses Artikels sein.

I. 1968 – Aufstand an der Universität

Dass es in den 60ern überhaupt zum Aufstand an den Unis kam, verwunderte viele Zeitgenossinnen sehr. Noch 1961 konstatierte Jürgen Habermas in der Studie »Student und Politik«, dass die bundesdeutschen Studierenden weitestgehend unpolitisch seien und für Hannah Arendt gehörte die Protestbewegung an den Hochschulen zu den unerwartetsten Ereignissen des Jahrhunderts.2 Andere Beobachterinnen hatten ein besseres Gespür für die Zeichen der Zeit. Schon 1960 behauptete C. Wright Mills, wichtiger Protagonist der US-amerikanischen »New Left«, dass wenn man noch jemandem die Revolution zutrauen könnte, dann nicht mehr den Arbeiterinnen, sondern den linken Intellektuellen, denn: »Wer denkt und handelt radikal? Auf der ganzen Welt […] ist die Antwort die gleiche: die junge Intelligenz.«3 Im Port Huron Statement, dem quasi-Manifest der amerikanischen Uni-Bewegung, wird festgestellt, dass es die Studierenden sind, die »die Kruste der Tatenlosigkeit durchbrechen und die innere Entfremdung überwinden«.4 Zwar waren in dieser Zeit des Aufruhrs Befreiungskriege, Bürgerrechtsbewegungen und Arbeitskämpfe mindestens ebenso wichtig wie die Aufstände an den Unis5, doch waren es tatsächlich auffällig oft Studierende, die in den späten 60ern und insbesondere in den kapitalistischen Industriestaaten zahlreiche Proteste anstießen und in der Regel auch deren harten und radikalen Kern stellten. Selbst Adorno, eher bekannt für die Kritik an seinen Studierenden und deren »Hurra-Optimismus«, musste zugeben, »daß die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Verdummungsprozesse, die in der gegenwärtigen Gesellschaft vorwalten, ohne die Studentenbewegung sich niemals auskristallisiert hätte.«6 Was machte diesen kleinen Teil der Bevölkerung – in der BRD gab es 1968 nur ca. 400.000 Studierende – in politischer Hinsicht so bedeutend?

Im Buch Der eindimensionale Mensch – 1968 Pflichtlektüre aller Revolutionärinnen – stellte Herbert Marcuse die These auf, dass in der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus den Unterdrückten die Einsicht in die objektiven Klassengegensätze verbaut sei. Die Welt, so schlimm sie auch nach wie vor sein mochte, würde von der großen Mehrheit einfach so hingenommen wie sie ist, den Wunsch nach einer besseren hege kaum noch jemand. Gleichzeitig sei der Stand der Produktivkräfte so hoch wie nie zuvor in der Geschichte, seien die materiellen Bedingungen für eine befreite Gesellschaft eigentlich schon vorhanden.7 Zur entscheidenden politischen Frage wurde daher die nach dem richtigen Bewusstsein und die Studierenden erschienen als diejenigen, die sich noch am ehesten ihrer eigenen Entfremdung und der Irrationalität des Systems bewusst waren. C. Wright Mills fragte: »Was für Leute sind es, die die Geduld verlieren? Wen ekelt dieser ganze alte Mist, um mit Marx zu sprechen, an? Wer denkt und handelt radikal?«8 Das waren für ihn die jungen Intellektuellen, die auch bald darauf an US-amerikanischen Universitäten die ersten »teach-ins« und »sit-ins« erprobten und damit weltweit Schule machen sollten. Jean-Francois Lyotard stellte die veränderte sozioökonomische Position der Studierenden fest: »der Student [ist] kein junger, bourgeoiser Bohemien mehr, sondern eine der Fraktionen in der Ausbildung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Aus diesem Grund kommt der Desertion der Studenten aus dem Lager der herrschenden Klasse entscheidende Bedeutung zu.«9 Rudi Dutschke sah die Besonderheit studentischer Subjektivität darin, dass Studierende »die fast zufällige Chance [haben], [ihr] Vernunftvermögen in wirklich kritische Rationalität zu transformieren, eine Chance, die den Menschen insgesamt in dieser Gesellschaft systematisch verweigert wird.«10 Für den Aufstand brauche es, so Dutschke, das Bündnis zwischen Arbeiterinnen und Studierenden. Den Studis sollte dabei vor allem die Rolle der Bildung und Bewusstmachung der anderen Bevölkerungsgruppen zukommen. Der Plan lautete: »Politisierung der Universität – als Ausgangspunkt der Politisierung und damit der Veränderung der Gesellschaft«.11

Nach der damaligen Vorstellung hatten die Studierenden also erstens das Privileg der Bildung, das es ihnen ermöglichte, eine kritisch-distanzierte Perspektive auf die gesellschaftlichen Verhältnisse einzunehmen, andererseits hatten sie das ökonomische Privileg, selbst von den Härten dieser Verhältnissen ausgenommen zu sein, verloren. Was ihnen allerdings fehlte, war die Stärke der großen Zahl denn die überwiegende Masse der Bevölkerung stellten nach wie vor die Arbeiterinnen. Somit war die Revolution nur im Bündnis beider Gruppen denkbar. Die Studierenden »tragen ihre Anprangerung der Kultur und der Werte zum Kampf bei« und die Arbeiterinnen »ihre Erfahrung und ihre Denunziation der Ausbeutung«12, sowie ihre zahlreichen starken Arme.

II. Vom Nutzen der Hochschulen

In welchem Maße die Universität – eine Institution, für deren Funktion Louis Althusser bald darauf den Begriff »ideologischer Staatsapparat« prägte – eine progressive Rolle spielen könne, war jedoch umstritten. Als es darum ging, nach dem US-amerikanischen Vorbild der »free universities« in der BRD ähnliche Einrichtungen zu gründen, schieden sich die Geister an ebenjener Frage.13 Inwieweit lässt sich die »alte« Universität nutzen, um die Revolution der Verhältnisse im Bewusstsein der Menschen vorzubereiten? So kam es zu zwei konkurrierenden Konzeptionen. Die »Kritische Universität« wurde als »Appendix, als Anhängsel der bestehenden Universität« konzipiert, wie Rudi Dutschke in einem Interview erläuterte.14 Die humanen und materiellen Ressourcen der bestehenden Universität sollten mobilisiert werden, um ein Programm eigener, kritischer Lehrveranstaltungen anzubieten. Der zweite Entwurf war der der »Gegenuniversität«, die räumlich und institutionell als völlig eigenständig gedacht wurde und die, laut Dutschke, ein »Kampfinstrument zur Mobilisierung von Minderheiten, um sie aufzuklären«, sein sollte.15 Faktisch umgesetzt wurde nur die erste Konzeption. So geschehen in Frankfurt am Main, wo in der sogenannten »politischen Universität« drei Dutzend Seminare angeboten wurden, etwa zum Thema »Revolutionstheorie« – Seminarleiter war Hans-Jürgen Krahl – oder auch über die »Integration des Christentums«, gehalten vom ordinierten Theologie-Professor Hans-Werner Bartsch.16 Auch in West-Berlin, Hamburg und anderen Städten gab es vergleichbare Projekte, die oft mehrere Semester bestand hatten. Universitäre Lehre und Bildung eines kritischen Bewusstseins wurden also nicht grundsätzlich als Widerspruch gedacht. Vielmehr nutzte ein Bündnis von radikalen Studierenden und progressiven Professorinnen Ressourcen und Infrastruktur der Hochschulen, um ihre eigenen bildungspolitischen Ziele zu verfolgen.

Sehr zentral war damals auch die Forderung nach einer Demokratisierung der Hochschulen. Für den SDS war diese jedoch nur der erste Schritt zu einer umfassenden Demokratisierung der ganzen Gesellschaft.17 In den Worten Rudi Dutschkes: »Der Ruf der studentischen Opposition nach Demokratisierung der Hochschulen ist von dem geschichtlichen Prozess der Entdemokratisierung der Gesellschaft nicht zu trennen.« Diese Sichtweise, in der Hochschulpolitik immer einen gesamtgesellschaftlichen Horizont hat, dominierte in den 60ern andere Ansichten, die entweder nur auf eine isolierte Veränderung der Universität drängten oder die diese als bloß repressiv und damit für den revolutionären Kampf unbrauchbar betrachteten. Maßgeblich war die schon 1961 erschienene und bis heute einflussreiche »SDS-Hochschuldenkschrift«. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund wurde Anfang der 60er Jahre aufgrund seiner linksradikalen Ausrichtung aus seiner Mutterpartei – der SPD – ausgeschlossen und wurde später die wichtigste Organisation innerhalb der 68er-Bewegung. In einer 170 Seiten starken Denkschrift entwickelte er einen umfassenden Reformvorschlag für die bundesdeutschen Universitäten. In dieser wurde davon ausgegangen, dass die Universität entweder »an der dynamischen Weiterentwicklung zur sozialen Demokratie und der Demokratisierung der Gesellschaft« mitwirke oder sie zum »Instrument in einer Entwicklung zu autoritären Gesellschaftsformen« werde. »Historische Voraussetzung und Erbschaft von Wissenschaft« sei es »kritische Rationalität im Dienste des Menschen« zu sein.18 Ihren gesellschaftlichen Auftrag könne die Universität jedoch nur dann erfüllen, wenn sie demokratisch organisiert sei. In letzter Instanz müsse jedoch jedes Bildungsziel mit dem Wissen verbunden sein, dass es »nur zu verwirklichen ist in einer freien, humanen und vernünftigen Gesellschaft, in der die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist«. Es bestehen jedoch zwei gegensätzliche Tendenzen in der SDS-Hochschuldenkschrift. Die eine in Gestalt eines emphatischen Wissenschafts- und Bildungsbegriffs, in der Betonung von deren Eigenlogik gegenüber der Sphäre der Politik und der Wirtschaft, in der Einreihung in die Tradition der Aufklärung und des Humanismus. Die andere in Form der Denunziation der »spielerischen Muße«, des Prinzips von »Einsamkeit und Freiheit« als einer bürgerlichen Lüge und der Tendenz, Bildung und Forschung doch wieder unter den Primat politischer Zwecke zu stellen. Zwar wurde die in der Hochschuldenkschrift formulierte Idee, dass sich die Entwicklung der Hochschulen von der der ganzen Gesellschaft nicht trennen lässt, auch für die Studi-Proteste der späten 60er prägend, es begann jedoch gleichzeitig ein eher instrumentelles Verständnis von Bildung und Wissenschaft vorzuherrschen. Die Sprache wurde martialischer. So sagte Rudi Dutschke 1967, dass die Universität eine »Sicherheitszone« für den »städtische[n] Guerillero« darstelle, »in der er und von der aus er den Kampf gegen die Institutionen, […] und um die Macht im Staate organisiert«.19 Auch Bildung wird zum bloßen »Kampfmittel«, Mittel zum Zweck der Revolution.

Während die »68er« also immer für die Demokratisierung und Politisierung der Institution Hochschule kämpften, wurden diese Forderungen nie isoliert, sondern nur im Kontext gesamtgesellschaftlicher Veränderungen betrachtet. Als entscheidend für diese Phase des politischen Kampfes sah man die Bewusstseinsbildung der bisher unpolitischen Bevölkerungsteile und die Vorbereitungen für den Umsturz an. Als Ausgangspunkt dafür galt die Universität als strategisch geeigneter Ort. Ideell, da sie zumindest teilweise eine Ausnahme von der generellen Tendenz zur totalen Verblendung darstellte und einer Minderheit noch gestattete »die spezifisch menschliche Verstandeskraft in kritische Vernunft um[zu]setzen«.20 Materiell, da es in ihr durchaus oppositionelle Kräfte gab – progressive Professorinnen, Dozentinnen, AStA-Vertreterinnen –, die über bedeutende Ressourcen verfügten. In einem Spiegel-Interview von 1969 brachte Marcuse die Vorstellung der 68er vom Verhältnis von Universität und Revolution prägnant auf den Punkt: »Es ist wieder eines der Beispiele, wo eine Institution der bürgerlichen Kultur benutzt werden kann, um eine radikale Veränderung des Denkens und sogar der Praxis vorzubereiten.«21 Es war vor allem diese Frage nach dem »Nutzen«, die für die 68er – nicht nur in Bezug auf die Universität, sondern auch auf Bildung und Wissenschaft insgesamt – die entscheidende wurde.

III. Bildungsproteste 2009

»Bildung ist der zentrale Schlüssel zur freien Entfaltung und Entwicklung eines Menschen.« – »Die Universität muss sich […] an den Zielen Frieden und Humanismus für das Wohl der Menschen orientieren.« – »Ohne Bildung kann es weder ein demokratisches Miteinander noch eine sich weiter entwickelnde Gesellschaft geben.« – »Bildung bedeutet wesentlich selbstständige Reflexion und Kritik.« – »Das humanistische Ideal einer zur kritischen Reflexion befähigenden, gemeinwohlorientierten Bildung wird zurückgedrängt. Stattdessen wird Bildung den Bedürfnissen des Marktes angepasst und damit selbst mehr und mehr zur Ware.«22

Dies sind einige Stimmen aus dem »Bildungsprotest« von 2009. Gut 40 Jahre nach der großen »Studentenbewegung« wurden – in Reaktion auf die neuesten Hochschulreformen und die Einführung von Studiengebühren – dutzende Universitäten im deutschsprachigen Raum besetzt. Während 1968 die verstaubte Ordinarienuniversiät, Wilhelm von Humboldt und die Interessen und Vorstellungen der Herrschenden stets zusammen gedacht wurden,23 hat sich dieses Verhältnis in den letzten zwei Jahrzehnten praktisch umgekehrt. Nun sind es die Studierenden, die sich auf ein humanistisches Bildungsideal berufen und deren Rektorinnen, die meinen ihre revoltierenden Studis über den elitären Charakter ihres gefeierten Ideal aufklären zu müssen.24 Fast scheint es, dass die neoliberalen Bildungsreformerinnen mit ihrer Verachtung für alles nicht zweckmäßige und bürgerliche die eigentlichen Erben der 68er sind. Die Uni-Besetzerinnen von 2009 haben demgegenüber eines richtig erkannt. Gerade dann, wenn geglaubt wird, darauf verzichten zu können, ein repressives und selektives Bildungssystem unter dem Mäntelchen der humanistischen Bildungsidee verstecken zu müssen, »ist der Anachronismus an der Zeit: an Bildung festzuhalten, nachdem die Gesellschaft ihr die Basis entzog«.25 Mehr denn je bildet eine solche Idee von Bildung die Antithesis zur herrschenden Vorstellung, die Universität habe ausschließlich wertvolles Humankapital und verwertbare Forschungsergebnisse im Dienste der nationalen Standortattraktivität zu liefern. Dieses emphatische Bildungsideal, in der die Einzelne nicht einfach politischen Zwecken – auch nicht dem der Revolution – untergeordnet wird, ist ein Fortschritt gegenüber 68.

In anderer Hinsicht schlossen die Bildungsprotestlerinnen aber durchaus an die 68er an. So stellten Berliner Studierende fest, dass es »letztlich gesamtgesellschaftlicher Veränderungen« bedarf, »um unsere Forderungen durchzusetzen«. Und die Münchener Besetzerinnen forderten »eine umfassende demokratische Teilhabe über das Bildungswesen hinaus in allen gesellschaftlichen Bereichen«.26 Auch 40 Jahre später sind die Studierenden noch davon überzeugt, dass es nicht einfach um eine partikulare Veränderung der Universität gehen kann, dass Hochschule oder Gesellschaft nicht isoliert betrachtet werden können. Aber anders als 1968 fehlte den Uni-Besetzerinnen der letzten Dekade eine tieferes Verständnis der Funktion der Universität im Kapitalismus und darauf aufbauend eine plausible Strategie zu ihrer Subversion. Die verschiedenen Aspekte – Demokratie, Bildung, Solidarität, usw. – stehen in den Schriftzeugnissen der Uni-Besetzerinnen in der Regel eher unvermittelt nebeneinander. Wie sich das eine zu den jeweils anderen verhalten soll, bleibt unklar. Alles, was sie an freier und kritischer Bildung vermissten, forderten sie kurzerhand vom Präsidium oder der Regierung ein, wohl wissend, dass man wenig von diesen Instanzen zu erhoffen hat. Zwar waren die Tage und Wochen der Besetzungen für viele der Beteiligten vermutlich tatsächlich ein ansonsten rares Bildungserlebnis. Auf die Idee aber, dass man dauerhafte oppositionelle Strukturen an den Universitäten aufbauen müsse, um auch in Zukunft etwas zu gewährleisten, was man Bildung nennen dürfte, kam kaum jemand. Schnell war jede Spur der Proteste verschwunden, die Frustration groß.

Die nächste große Studierenden-Bewegung müsste das Beste von 1968 und 2009 miteinander vereinen. Von 68 die strategische Versiertheit und die taktische Klugheit. Was die Universität im 21. Jahrhundert – nach der Bologna-Reform und nach einem extremen Anstieg der Studierendenzahlen – eigentlich noch ist und welche Rolle sie für eine progressive Bewegung spielen kann, muss neu gedacht werden. Das Festhalten an dem alten Versprechen der Bildung auf eine Gesellschaft freier und selbstbestimmter Individuen ist zwar philosophisch richtig, bleibt aber naiv, wenn nicht gleichzeitig die politische Ohnmacht dieser Vorstellung konstatiert wird. Gute Bildung für Alle ist nichts, was man von den Herrschenden durch eine zweimonatige Besetzung erpressen kann. Der Wille und die Kraft der 68er, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, kann hier als Vorbild dienen. Will man ernsthaft dafür streiten, an der Universität mehr Raum für kritische Wissenschaft und emanzipatorische Bildung zu schaffen, braucht es eine ausdauernde Arbeit an langlebigen oppositionellen Strukturen. An 2009 sollte man dagegen in Bezug auf einen Begriff von Bildung anschließen, der nicht vollständig unter heteronome Zwecke subsumierbar ist. Alles andere würde eine ungewollte Nähe zu denjenigen bedeuten, die den Universitäten auch das letzte bisschen, was an ihnen noch erhaltungswürdig ist, austreiben wollen. Ebenso charakterisierend war für die Proteste von 2009 ihre Emphase auf Feminismus und Anti-Rassismus und anders als 1968 ging 40 Jahre später die mediale Wirksamkeit der Proteste nicht mehr ausschließlich von einer handvoll Machos aus. Auch der kommende Aufstand der Studierenden braucht keine »Studentenführer«. Er sollte feministisch, anti-rassistisch, undogmatisch sein und dabei zugleich weitsichtig, langatmig und entschlossen.

1 Flugblatt zitiert nach: Jacobs, Paul; Landau, Saul (Hrsg.): Die Neue Linke in den USA, München 1969, S. 201.

2 Vgl. Gilcher-Holtey, Ingrid: 1968 – Eine Zeitreise, Frankfurt/M. 2008, S. 64.

3 Mills, C.Wright: Über die neue Linke, in: Jacobs, Paul; Landau, Saul (Hrsg.): Die Neue Linke in den USA, München 1969, S. 128.

4 Zitiert nach: Jacobs, Paul; Landau, Saul (Hrsg.): Die Neue Linke in den USA, München 1969 Verlag, S. 153.

5 Vgl. Adamczak, Bini: Beziehungsweise Revolution, Frankfurt/M. 2017, S. 177ff.

6 Adorno, Theodor W.: Keine Angst vor dem Elfenbeinturm in: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung, Hamburg 1998, S. 622.

7 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch, Darmstadt 1979, S 15ff.

8 Mills, C. Wright: Über die neue Linke, in: Jacobs, Paul; Landau, Saul (Hrsg.): Die Neue Linke in den USA, München 1969, S. 128.

9 Lyotard, Jean-Francois: Präambel zu einer Charta, in: Horst, Johanna-Charlotte; u.a. (Hrsg.): Was ist Universität, Zürich 2010, S. 303.

10 Zitiert nach: Dutschke, Gretchen: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben, Köln 2007, S. 123.

11 Rudis Dutschke im Spiegel-Gespräch vom 10. Juli 1967, abgedruckt in: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung, Hamburg 1998, S. 268.

12 Lyotard, Jean-Francois: Präambel zu einer Charta in: Horst, Johanna-Charlotte u.a. (Hrsg.): Was ist Universität, Zürich 2010, S. 303.

13 Vgl. Gilcher-Holtey, Ingrid: 1968 – Eine Zeitreise, Frankfurt/M. 2008, S. 33.

14 Rudis Dutschke im Spiegel-Gespräch vom 10. Juli 1967, in: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung, Hamburg 1998, S. 269.

15 Rudi Dutschke zitiert nach: Dutschke, Gretchen (2007): Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben, Köln 2007, S. 166.

16 Seminarprogramm für die Politische Universität, in: Claussen, Detlef; Dermitzel, Regine: Universität und Widerstand – Versuch einer Politischen Universität in Frankfurt, Frankfurt/M. 1968, S. 42f.

17 Dehnerdt, Fredrik: »Was soll ich wollen?«, Marburg 2014, S. 67.

18 SDS: Hochschuldenkschrift, Frankfurt/M. 1972, S. 1–5. (Die Einleitung der SDS-Hochschuldenkschrift, aus der auch hier zitiert wird, wurde in der HUch#87 abgedruckt und kommentiert.)

19 Rudi Dutschke zitiert nach: Dutschke, Gretchen: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben, Köln 2007, S. 151.

20 Rudi Dutschke im Spiegel-Interview vom 10. Juli 1967. In: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung, Hamburg 1998, S. 268.

21 Herbert Marcuse im Spiegel-Interview vom 28. Juli 1969. In: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung, Hamburg 1998, S. 658.

22 Forderungskataloge zitiert nach: Horst, Johanna-Charlotte; u.a. (Hrsg.): Was passiert?, Zürich 2010, S. 93, 141, 181, 215, 389.

23 Vgl. Dehnerdt, Fredrik: »Was soll ich wollen?«, Marburg 2014, S. 50.

24 Vgl. Stellungnahme von Rektor Karlheinz Töchterle. In: Heissenberger, Stefan; u.a. (Hrsg.): Uni Brennt, Wien 2010, S. 302f.

25 Adorno, Theodor W.: Theorie der Halbbildung, in: Soziologische Schriften I, Frankfurt 2015, S. 121.

26 Forderungskataloge zitiert nach: Horst, Johanna-Charlotte; u.a (Hrsg.): Was passiert?, Zürich 2010, S. 141, 389.

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