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09.12.13 HU Berlin entfernt Portrait von Antirassistin und ehrt stattdessen NSDAP-Mitglied Adolf Butenandt

09.12.2013
Pressemitteilung des Referats für Hochschulpolitik im Referent_innenRat der HU Berlin
Kontakt: hopo@refrat.hu-berlin.de

HU Berlin entfernt Portrait von Antirassistin und ehrt stattdessen NSDAP-Mitglied Adolf Butenandt

Am Morgen des 05.12.2013 tauchte im Internet und per Mail an Strukturen der Verfassten Studierendenschaft ein Bekenner_innenschreiben einer Gruppe namens "Wissen im Widerstand" auf, die sich dazu bekannte "einen Nazi im Hauptgebäude der Humboldt Universität Berlin überwältigt und entführt" zu haben. [1]
Gemeint ist Adolf Butenandt, dessen Portrait im Hauptgebäude aus der Reihe der Nobelpreisträger_innen entwendet wurde. Stattdessen tauchte an der Stelle ein Portrait der Refugee-Aktivistin Napuli Paul Langa auf.
Die Gruppe wolle damit darauf aufmerksam machen, "dass im Hauptgebäude der HU nationalsozialistische Nobelpreisträger in einer patriarchalen Ahnengalerie von "Wissenschaftsvätern" geehrt werden," heißt es in dem Schreiben.
Adolf Butenandt war Mitglied der NSDAP, forschte zum Beispiel an der Luftwaffenversuchsstation in Rechlin und arbeitete eng mit NS-Forschern wie Günther Hillmann und Otmar Freiherr von Verschuer zusammen, deren Arbeit auch Experimente an KZ-Gefangenen in Auschwitz involvierte.

"Dass in der HU zahlreiche Nazis und Kolonialrassisten mit Portraits geehrt werden und die kolonialen Forschungsreisen von Alexander von Humboldt als Inbegriff von Wissenschaft und Neugier verherrlicht werden, zeigt die tiefe Verwurzelung von Kolonialrassismus in der weißen_deutschen Wissenschaft" heißt es im Bekenner_innenschreiben, und weiter: "Um die Kontinuität der rassistischen Ehrungen zu durchbrechen, haben wir diesen freigewordenen symbolischen Raum einer Person gewidmet, die Widerstand gegen bestehende Machtverhältnisse leistet."
Für die "Freilassung" Butenandts fordern sie unter anderem, dass die HU ihre Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beendet, welche zahlreiche zu Kolonialzeiten geraubte Gegenstände besitzt und teilweise ausstellt. Die HU plant gemeinsam mit der Stiftung die Ausstellung "Humboldtforum" in der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses.
Außerdem fordert die Gruppe "unbefristete Bereitstellung von Ressourcen zur umfassenden Aufarbeitung der Kolonial- und NS-Vergangenheit der HU", "Keine Ehrung von NS- und Kolonialverbrecher_innen", "Umsetzen eines umfangreichen Konzeptes gegen Rassismus", sofortigen Ausstieg aus UniAssist, die "Umbenennung der Universität" sowie die Abschaffung von Zugangsbeschränkungen, Präsidium, Studienverlaufsplänen und Bewertungen. Auch solle die Uni "ihren Einfluss geltend machen und auf den Berliner Senat, allen voran Henkel, einwirken, um die Räumung der von Refugees besetzten Schule und  des Protestcamps am Oranienplatz zu verhindern".

Für einige der Forderungen setzen sich auch Studierendenvertreter_innen schon lange ein, ein Beispiel ist der Ausstieg der HU aus dem Verein UniAssist.
"UniAssist ist ein Verein, bei dem sich Menschen mit nicht-deutscher Hochschulzugangsberechtigung kostenpflichtig bewerben müssen. Das ist rassistisch, außerdem ist der Preis für Bewerbungen je nach Staatsbürgerschaft unterschiedlich: Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft zahlen an der HU nichts, egal, wo sie ihren Abschluss gemacht haben, Menschen mit EU-Staatsbürgerschaft 43 Euro und alle anderen 68 - für eine einzige Bewerbung! Und aufgrund der hohen Zugangshürden müssen sich Bewerber_innen im Normalfall an zahlreichen Unis bewerben. Hinzu kommt, dass der Verein unzuverlässig arbeitet und kaum ansprechbar ist. Die HU muss austreten und Stellen schaffen, um sich fortan selbst diesen Bewerbungen zu widmen," sagte dazu João Fidalgo, studentischer Vertreter im Akademischen Senat.

Noch im Laufe des Freitags wurde das Portrait von Napuli Paul Langa seitens der HU entfernt und stattdessen ein Schild an die Wand geklebt: "Das Portrait von Adolf Butenandt ist durch Unbekannte gewaltsam entfernt worden und wird in Kürze hier wieder zu sehen sein." 

Elisa Weidenhammer, Referentin für Hochschulpolitik im Referent_innenRat der HU: "Dass das Portrait von Butenandt überhaupt an der Wand hing, ist schon schlimm genug - dass die HU es nun offenbar erneut aufhängen möchte, zeigt, dass rassistische Zustände an der HU Normalzustand und Kritik daran dem Präsidium anscheinend vollkommen egal sind. Anders kann ich mir nicht erklären, wie die Uni es fertig bringen kann, das Portrait einer Antirassistin abzuhängen und durch das eines Nazis zu ersetzen. Aufarbeitung der eigenen Geschichte sieht anders aus."

"Dass der Sprecher der HU die Aktion im Tagesspiegel auf Diebstahl reduziert, ohne auf die Kritik der Entführer_innen einzugehen, ist bemerkenswert ignorant" fügt Enno Hinz hinzu, ebenfalls Referent für Hochschulpolitik, "gerade auch weil in dem Bekenner_innenschreiben thematisiert wird, wie Butenandt zahlreiche Täter vor der Entnazifizierung schützte, indem er argumentierte, dass Wissenschaft per se unpolitisch sei. Ob er nun ein erfolgreicher Chemiker war oder nicht; das Portrait eines Nazis hat in der Uni nichts zu suchen. Die Universitätsleitung täte gut daran, die Fotografie von Napuli Paul Langa umgehend wieder aufzuhängen und alle anderen Nazi-Portraits zu entfernen. Der HU-Präsident Olbertz hat jetzt Gelegenheit, eine antifaschistische Haltung unter Beweis zu stellen. "

Das Referat für Hochschulpolitk fordert das Präsidium der HU auf, zu seinem Verhalten und den Forderungen des Bekenner_innenschreibens Stellung zu nehmen.

[1] https://linksunten.indymedia.org/node/100883
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  • erstellt:09.12.13, 14:29
  • geändert:05.02.14, 11:35